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Zirkus:Ausgebrüllt, Löwe!

Immer seltener kann man in Deutschland noch Tiernummern in der Manege erleben.

Von Martin Zips

Alles nur wegen der asiatischen Leitkuh Delhi. Ihr Tod im vergangenen Winter hatte einen Rangordnungskampf unter gleich drei weiblichen Elefanten des Circus Krone ausgelöst. Mala, die Älteste von ihnen, wurde im Juli während eines Gastspiels in Osnabrück von den zwei jüngeren Widersacherinnen einfach aus der Manege geschubst - sie stürzte ins Publikum. Ein Zuschauer aus der oberen Preiskategorie zog sich dabei leichte Schürfwunden zu. Und Gegner von Tieren in Zirkussen und Kommunalpolitiker hatten ein neues Thema: die "Gefahrenabwehr".

Karlsruhe am vergangenen Dienstag. Gemeinderat, Vorlage 2018/0505. SPD-Mitglieder fordern ihre Stadt aus "tierschutzrechtlichen" Gründen und eben "Erwägungen der Gefahrenabwehr" auf, "zukünftig keine öffentlichen Flächen mehr an Zirkusse, die gefährliche Wildtiere mitführen", zu vergeben. Der tiefe Fall von Mala zeige doch nur, "wie gefährlich so ein Zwischenfall werden kann". Mitglieder der Grünen verweisen darauf, dass bereits in etwa hundert deutschen Kommunen solche Auftrittsverbote existieren. Der Antrag wird angenommen. Und das, obwohl ähnliche Beschlüsse in Darmstadt und Chemnitz bereits gerichtlich wieder gekippt wurden.

Das neue Argument mit der "Gefahrenabwehr" nennt Frank Keller, Tierschutzbeauftragter des Münchner Circus Krone, "die neue populistische Masche der Tierrechtsaktivisten". Seien bei millionenschweren Gruppierungen wie Peta oder Vier Pfoten bisher vor allem Fragen der Haltung und des Transports im Vordergrund gestanden (das interessiert vor allem Tierfreunde), werde nun ganz allgemein Angst vor Zirkustieren geschürt (das interessiert eigentlich alle).

Fredy Knie, Direktor des aktuell mit Lamas, Pferden und Kamelen arbeitenden Schweizer Zirkus Knie, empört sich: "Das Tierrechts-Business mit seiner Lobby sollte sich gemeinsam mit der Politik lieber um die besonders krassen Fälle der Haustierhaltung kümmern, statt ständig auf Zirkussen herumzuhacken." Knie habe übrigens beste Erfahrungen mit "öffentlichen Dressurproben" gemacht. "Bei uns sind die Zelttüren immer geöffnet." Verbote hülfen niemand weiter.

Der Circus Roncalli, der sich mittlerweile "Circustheater" nennt, hat soeben jedenfalls seine letzte Tiernummer abgeschafft. Der Pferdedompteur kümmere sich jetzt um Ponys in einem Freizeitpark bei Bielefeld, sagt Mitarbeiter Markus Strobl und schickt Fotos von Tieren, die in 3-D in die Manege projiziert werden, dem optischen Knaller des aktuellen Programms. "Als Zirkus muss man sich halt immer neu erfinden." Auf die traditionelle Wildtier-Dressur setzen außer Krone heute nur noch wenige Zirkusse - in mehr als 20 europäischen Ländern sind Wildtiere in der Manege verboten. "Auch unsere Elefanten und das Nashorn leben nicht ewig", meint Krone-Mann Keller. "Und neue zu bekommen, das wird sowieso immer schwieriger."

Forsche Elefantenkühe, die sich gegenseitig in die Loge schubsen - davon dürfte jedenfalls kaum mehr zu hören sein. Sehr beruhigend, ganz bestimmt für den Karlsruher Gemeinderat. Und doch: Fast schon ein bisschen schade.

© SZ vom 22.09.2018
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