Süddeutsche Zeitung

Ziele der russischen Außenpolitik:Putins Traum von "Neurussland"

Lesezeit: 3 min

Angeberisch und irgendwie irre klingt es, wenn prorussische Separatisten von der Errichtung eines neuen Staates sprechen. Doch "Neurussland" ist mittlerweile auch zur Vision von Russlands Präsident Putin geworden, der mit Radikal-Rhetorik nachlegt.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Es war am 24. Mai dieses Jahres, einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in der Ukraine, als russische Medien folgende Nachricht in die Welt schickten: "Die Volksrepubliken Donezk und Luhansk haben die Errichtung eines neuen Staates, Noworossija, bekanntgegeben", das melde "Volksgouverneur" Pawel Gubarew. Noworossija fordere den neuen Mann in Kiew - gewählt wurde dann Petro Poroschenko - auf, die Unabhängigkeit der Republiken des Donezkbeckens anzuerkennen.

Dann zählte Gubarew auf, was er noch zu diesem neuen Staat, dessen Geburt er quasi nebenbei ankündigte, hinzurechne: neben den Bezirken Donezk und Luhansk auch Dnjepropetrowsk, Saporoschje, Odessa, Nikolajew, Charkiw und Cherson. Das ist, wenn man sich diese Namen auf einer Landkarte der Ukraine anschaut, mehr als ein Drittel des ganzen Staatsgebiets.

Damals klang diese Ankündigung angeberisch, irgendwie irre. Zumal Gubarew nur wenige Tage an der Macht war und verhaftet wurde, als die proukrainischen Kräfte kurzzeitig wieder die Oberhand gewonnen hatten in Donezk.

Konkretes Konzept des Präsidenten

In den vergangenen Wochen, in denen die ukrainische Armee immer weiter in den Donbass vorrückte, das von den Separatisten gehaltene Terrain Stück um Stück zurückeroberte, Nachschublinien blockierte, die Verbindung zwischen Donezk und Luhansk unterbrach, sah es tatsächlich aus, als würde Neurussland, Noworossija, ein Traumgebilde russischer Nationalisten um den rechtsextremen Ideologen Alexander Dugin bleiben.

Doch der Traum der Separatisten ist mehr als eine Vision von uniformierten Aushilfsanführern, die sich ohnehin zuletzt weitgehend in ihre Heimat zurückgezogen haben. Es ist nicht nur der Traum des Geheimdienstoffiziers Igor Girkin alias Strelkin, der schon in Tschetschenien gekämpft und zuletzt in Donezk die Operation "Abspaltung des Donbass" kommandiert hatte.

Und nicht nur der Traum des russischen Militärhistorikers Alexander Borodai, der eine Zeit lang in Donezk als "Premierminister" im Einsatz gewesen war. Auch wenn diese Männer in russischen Medien von der "Reinigung" der Ukraine von "Faschisten" und der Weltmacht Russland reden, so ist Neurussland doch auch ein ganz konkretes Konzept ihres Präsidenten.

"Noworossija" - eine rhetorische Selbstverständlichkeit

In der Nacht zum Freitag war kurz nach ein Uhr ein Statement von Wladimir Putin auf die Webseite des Kremls gestellt worden, das letzte Unklarheiten beseitigt: Putin will ein Drittel der Ukraine. Er richtete eine Rede an den "Volkssturm von Neurussland", jenes proklamierte Staatsgebilde also, das Gubarew im Mai ausgerufen hatte, das aber immer virtuell geblieben war - eine territoriale Behauptung.

Im Wortlaut

"Aufruf von Russlands Präsident Wladimir Putin an die Volkswehr von Neurussland: Die Volkswehr hat offenkundig erhebliche Erfolge bei der Unterbindung der Gewaltoperation Kiews erzielt, die eine tödliche Gefahr für die Bevölkerung von Donbass darstellt. Ich rufe die Kräfte der Volkswehr auf, einen humanitären Korridor für die eingekesselten ukrainischen Armeeangehörigen einzurichten, damit sie zu ihren Müttern, Frauen und Kindern zurückkehrend. Die russische Seite ist bereit, der Bevölkerung von Donbass, die infolge der humanitären Katastrophe leidet, humanitäre Hilfe zu leisten. Ich rufe die Behörden der Ukraine ein weiteres Mal auf, die Kampfhandlungen unverzüglich zu stoppen, das Feuer einzustellen, sich zusammen mit Vertretern von Donbass an den Verhandlungstisch zu setzen und alle vorhandenen Probleme ausschließlich mit friedlichen Mitteln zu lösen." dpa

Mehr zum Thema

Zurück in dunkle Zeiten - Leitartikel von Hubert Wetzel

Putin dankte den Männern, die "erhebliche Erfolge bei der Unterbindung der Gewaltoperation Kiews erzielt" hätten, die "eine tödliche Gefahr für die Bevölkerung von Donbass darstellt und zahlreiche Opfer unter den Zivilisten gefordert hat. Dank des Vorgehens der Volkswehr wurde eine große Zahl ukrainischer Soldaten eingekesselt, die an der Militäroperation nicht freiwillig, sondern auf Befehl teilnehmen."

Es war nicht das erste Mal, dass der Präsident sich den Traum von der Wiederherstellung der "Provinz Neurussland" zu eigen macht, die Russland im 18. Jahrhundert von den Osmanen eroberte und die Katharina die Große von ihrem Vertrauten, Fürst Potjemkin, mit russischen Großgrundbesitzern und Siedlern beschicken ließ.

"Historischer Fehler"

Schon im März, als Wladimir Putin im Kremlsaal in einer pompösen Zeremonie die Krim formal in die Russische Föderation aufnahm, sprach er von einer roten Linie, die in der Ukraine überschritten worden sei: Als 1991 die Sowjetunion zerfallen sei, seien "die Russen zum größten verstreuten Volk der Welt geworden". Die russische Regierung sei lange zu schwach gewesen, um die Rechte des russischen Volkes zu verteidigen.

Im April dann, während der berühmt gewordenen Fragestunde ("Der direkte Draht zu Wladimir Putin") im russischen Fernsehen, in welcher der Präsident erstmals, wie nebenbei, die Präsenz russischer Soldaten auf der Krim eingeräumt hatte, wurde er konkreter. Er sprach konsequent von Neurussland - und meinte damit: die Ostukraine. Nach der Revolution 1917 wurden diese Gebiete der Sowjetrepublik Ukraine zugesprochen; "nur Gott" wisse, warum, sagte Putin lakonisch. 1954 kam dann, als Geschenk von Nikita Chruschtschow, die Krim dazu: ein "historischer Fehler", so der Präsident. "Die Menschen in beiden Gegenden sind tief mit dem russischen Staat verwurzelt."

Nervös ist Putin offenbar nicht

Mittlerweile also ist der Anspruch auf "Noworossija" eine rhetorische Selbstverständlichkeit geworden im neuen Russland. Dass dieser Anspruch mithilfe russischer Soldaten durchgesetzt wird, dazu äußerte sich Putin auch in seinem jüngsten Statement nicht. Außenminister Sergej Lawrow dementierte am Freitag ein weiteres Mal jede aktive Beteiligung. Er wies Vorwürfe einer Militäroffensive in die Ukraine zurück: "Wir hören solche Spekulationen nicht zum ersten Mal, aber die USA haben sie nie mit Fakten belegt." Die Führung in Kiew sei wegen der jüngsten militärischen Erfolge der Separatisten nervös geworden. "Deshalb gibt es jetzt Behauptungen eines Einmarschs Russlands", sagte er.

Nervös ist Wladimir Putin hingegen offenbar nicht - ungeachtet der dramatischen Geschehnisse in der Ostukraine, die mittlerweile fast 3000 Menschen das Leben gekostet haben. Er legte am Freitag mit einer Radikal-Rhetorik nach, die aus der Feder des Kreml-Ideologen Dugin stammen könnte, der auch die Noworossija-Hysterie ausgelöst hatte: Die Menschen in der Ostukraine seien mit dem Machtwechsel in Kiew im Februar nicht einverstanden gewesen und würden nun dafür mit Jagdflugzeugen und Artillerie bestraft. "Wenn das die heutigen europäischen Werte sind, so bin ich in höchstem Maße enttäuscht."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2109192
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.08.2014/anri
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.