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Zerstörung von Kulturgütern:Wenn die Vergangenheit zertrümmert wird

  • Milizen des "Islamischen Staates" haben die fast 3000 Jahre alten Ruinen der assyrischen Stadt Nimrud zerstört.
  • Im 9. vorchristlichen Jahrhundert reichte die Herrschaft der Assyrer bis ans Mittelmeer. In der Hauptstadt Nimrud residierte der König in einem prunkvollen Palast.
  • Neben der vorsätzlichen Zerstörung bedrohen auch Raubgräber und Kollateralschäden die Kulturgüter in Konfliktgebieten.

"...ein wunderschöner Ort... Der Tigris war nur eine Meile entfernt, und auf dem großen Hügel der Akropolis ragten große steinerne assyrische Köpfe aus dem Boden. An einer Stelle gab es einen gewaltigen Flügel (der Figur, Anm. d. Red.) eines großen Geistes. Es war ein spektakulärer Landstrich - friedvoll, romantisch und durchtränkt von der Vergangenheit."

Mit dem Frieden und der Romantik, die die Krimi-Autorin Agatha Christie 1931 in Nimrud fand, scheint es erstmal vorbei zu sein. Schlimmer noch: Auch von der Vergangenheit wird vielleicht bald nicht mehr viel zu sehen sein.

Wenn die Berichte des irakischen Antikendienstes stimmen, dann zertrümmern die Terrormilizen des "Islamischen Staats" gerade die Ruinen der Stadt Nimrud. Vorsätzlich. Wie schon im Museum von Mossul und in Niniveh ist es eine regelrechte Vernichtung der Vergangenheit.

Nimrud war die Hauptstadt der Assyrer

Nimrud ist der arabische Name einer archäologischen Fundstätte, deren noch gänzlich unerforschte Ursprünge in vorgeschichtliche Zeit zurückreichen. Erst in mittelassyrischer Zeit erwähnen Schriftdokumente die Stadt mit dem assyrischen Namen Kalhu, dem biblischen Kalach. Die Assyrer erschienen relativ unvermittelt im 14. Jahrhundert vor Christus auf der bewegten Bühne der Völker in Mesopotamien und beherrschten von ihrer Hauptstadt Assur aus größere Teile des fruchtbaren Halbmonds an Euphrat und Tigris.

Der assyrische König Assurnasirpal II (883-859 v. Chr.) dehnte das Reich bis ans Mittelmeer aus und verlegte die Hauptstadt nach Kalhu-Nimrud, das damals noch direkt am Tigris lag. Eine Stadtmauer umschloss 360 Hektar Wohngebiet und eine Zitadelle. Auf ihr standen Tempel für die assyrischen Götter Ishtar und Ninurta sowie der prunkvolle Palast. Seine Mauern aus Lehmziegeln, dem in Mesopotamien üblichen Baumaterial, waren mit Flachreliefs aus Stein sowie Wandmalerei geschmückt.

Mehr als 150 Jahre lang war Kalhu-Nimrud die Hauptstadt des assyrischen Reiches. Das Ende kam in den Jahren 614 bis 612 v. Chr., als Babylonier und Meder einfielen und die Stadt zerstörten. Danach war der Ort nur noch spärlich besiedelt.

Ausgrabungen seit 1845

Als der Brite Austen Henry Layard 1845 nach Nimrud kam, wohnte dort niemand mehr. In sechs Jahren legte er die Ruinen des Palastes frei und brachte Reliefs und steinerne Türhüterfiguren in Gestalt von Löwen mit menschlichen Köpfen nach London. Erst 100 Jahre später, von 1949 bis 1957, grub Max Mallowan weitere Teile der Stadt aus - seine Frau Agatha Christie half bei der Arbeit. Auch Mallowan nahm zahlreiche Objekte mit ins Vereinigte Königreich, wo sie heute mit Layards Fundstücken im British Museum ausgestellt sind. In ihrer Autobiographie beschreibt Agatha Christie, wie sie die kunstvollen Elfenbeinschnitzereien mit Hilfe ihrer Gesichtscreme reinigte.

Ende der 1990er Jahre entdeckten irakische Archäologen die Gräber von Königinnen und Prinzessinnen neuassyrischer Zeit - und darin den sogenannten Goldschatz von Nimrud. Den Irakkrieg überstand er unbeschadet im Tresor einer Bank in Bagdad, wo er jetzt wieder im Museum ausgestellt sein soll.

In Nimrud selbst verblieben sind neben den Mauern des Palastes und den Resten einer Ziggurat - einem pyramidenartigen Bauwerk aus Lehmziegeln - zahlreiche Originalreliefs mit Darstellungen des Königs sowie Türhüterfiguren. Das alles könnte nun für immer zerstört sein, und selbst noch im Boden befindliche Baustrukturen und Objekte können durch schwere Fahrzeuge beschädigt werden. Für die modernen Assyrer, die in dem Gebiet wohnten, bis sie vom IS vertrieben wurden, sind Orte wie Nimrud Teil der kulturellen Identität. Auch sie zerbirst unter den Schlägen der Vorschlaghämmer.

Kulturgüter in Krisengebieten sind immer bedroht

Vorsätzliche Verwüstungen wie durch den IS sind jedoch nicht die einzige Gefahr, die Kulturgütern in Krisengebieten droht. Ein riesiges Problem entsteht schon, wenn keine Regierung oder Behörde mehr die Kontrolle über eine Region ausübt: Wo es keine Wächter mehr gibt, haben Plünderer leichtes Spiel. Im Jahr 2003, während des Irakkrieges, stahlen Diebe 15.000 archäologische Fundstücke aus dem Museum von Bagdad.

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Adelheid Otto, Professorin für Vorderasiatische Archäologie an der Universität München, sagt im Hinblick auf das IS-Video aus dem Museum in Mossul, in dem auch Stücke gezeigt werden, die nicht sichtbar zerstört werden: "Man bekommt fast den Eindruck, dass hier potenzielle Kunden einen Eindruck der "Ware" erhalten sollen, um dann Bestellungen aufzugeben." Der Antikenmarkt in Mossul boome. Und nicht nur dort. "Es ist unglaublich, was da gerade auf dem Schwarzmarkt alles rumschwirrt - auch in München", sagt Otto.

Auch Raubgräber verkaufen ihre Beute auf dem Schwarzmarkt. Ihre Aktivitäten sind zwar weniger medienwirksam als die Zerstörung von Museumsstücken. Wissenschaftlich jedoch sind sie womöglich die noch größere Katastrophe, denn ohne den Fundkontext kann ein Objekt kaum Informationen über die Vergangenheit liefern. Nach Angaben des Global Heritage Fund sind allein aus sumerischer Zeit (drittes Jahrtausend vor Christus) im Irak rund 3100 Quadratkilometer archäologischer Stätten systematisch geplündert worden. Das ist eine Fläche größer als das Saarland. Betroffen sind auch Larsa und das noch völlig unerforschte Umma.

Angst vor unbeabsichtigten Schäden

Es gibt auch Schäden, die unbeabsichtigt - wenn auch absehbar - sind. So werden immer wieder auch historische Kulturstätten als Militärlager gebraucht. Auf dem Gelände der Weltkulturerbestätte Hatra soll der IS ein Camp eingerichtet haben. "Das ist alles sehr schwer zu verifizieren, aber es würde die Verletzlichkeit des Ortes erhöhen", sagt Axel Plathe, der Direktor des Unesco-Büros für den Irak. "Ein Militärcamp könnte die Stadt zum Ziel von Luftangriffen machen."

In der Regel gibt die Unesco den USA die Koordinaten von zu schützenden Stätten. Im Irakkrieg ab 2003 habe das gut funktioniert und es habe keinen Kollateralschaden an Welterbestätten gegeben, sagt Plathe. "Wir hoffen, dass es so weitergeht."