Streit um einen Tweet "Das Jüdische Museum scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein"

Das Jüdische Museum in Kreuzberg.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/picture alliance)
  • Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den Kontakt zum Jüdischen Museum Berlin abgebrochen.
  • Grund dafür ist ein Tweet des Museums, der wie eine Meinungsäußerung wirkt.
  • In dem Tweet geht es um einen Bundestagsbeschluss, der die sogenannte BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt.
  • Nach SZ-Informationen ist die Pressesprecherin des Museums, die den Tweet verfasst hat, mit sofortiger Wirkung freigestellt worden.
Von Thorsten Schmitz

Der Streit, wie mit der antiisraelischen Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) umgegangen werden soll, hat das Jüdische Museum Berlin erneut in die Schlagzeilen gerückt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat einen Präzedenzfall geschaffen und den Kontakt zu dem Museum abgebrochen. In einem Tweet hat Josef Schuster, der Präsident des Dachverbandes aller jüdischen Gemeinden, geschrieben: "Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein. Unter diesen Umständen muss man darüber nachdenken, ob die Bezeichnung 'jüdisch' noch angemessen ist. Das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft hat die Leitung des Hauses verspielt." Es dränge sich die Frage auf, ob der Direktor "seiner Aufgabe noch gewachsen ist". Direktor des Jüdischen Museums ist seit 2014 der Judaistik-Professor Peter Schäfer, dessen Museumsführung auch im eigenen Haus umstritten ist.

Anlass des Furors, zu dem auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) Stellung bezogen hat, ist diesmal allerdings ein Tweet vom offiziellen Twitter-Account des Jüdischen Museums Berlin. Darin hatte die Pressestelle des Museums ohne Wissen Schäfers unter dem Hashtag #mustread eine Leseempfehlung für einen taz-Artikel gegeben, in dem es um die Kritik von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern an einem Beschluss des Bundestages geht. Die Parlamentarier hatten vor Kurzem die BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt. BDS ist ein schwer durchschaubares Geflecht aus 171 Gruppen, die ein Ende der israelischen Besatzung und unter anderem den Boykott israelischer Waren fordern.

Der Tweet, der von der Pressesprecherin des Museums verfasst worden ist, zitiert aus dem Schreiben der Wissenschaftler den Satz: "Der Beschluss der Parlamentarier hilft im Kampf gegen den Antisemitismus nicht weiter" - allerdings ohne die Anführungszeichen, weshalb der Satz als Meinungsäußerung des Museums verstanden wird. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ist die Pressesprecherin mit sofortiger Wirkung freigestellt worden. Sie habe mit dem Tweet dem Gebot der Neutralität eines mit öffentlichen Geldern geförderten Museums zuwidergehandelt. Mitarbeiter des Museums äußerten sich im Gespräch mit der SZ entsetzt über diese Maßnahme und sprachen von einem "Bauernopfer", um den Museumsdirektor zu schützen. Museumsdirektor Peter Schäfer wollte auf Anfrage weder den Vorgang noch das Verdikt des Zentralrats kommentieren. Auch die Pressesprecherin war nicht zu erreichen. Eine Sprecherin des Zentralrats erklärte, Präsident Schuster habe für ein Gespräch keine Zeit.

Sogar Israels Ministerpräsident Netanjahu ist über das Museum erzürnt

Der Unmut bei jüdischen Institutionen über das Museum ist groß. Im März hatte Direktor Peter Schäfer den Kulturrat der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Seyed Ali Moujani, durch sein Museum geführt. Die Begegnung wurde auf der Internetseite der iranischen Botschaft dokumentiert. Schäfer habe bei dem Treffen gesagt, die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus müsse "unter die Lupe genommen" werden. Ein paar Tage später wurde ein Foto von der Begegnung und der Gesprächstext auf Bitten des Jüdischen Museums von der Botschafts-Internetseite entfernt. Gegenüber Spiegel Online räumte Schäfer ein: "Das war eine Dummheit von mir, den zu empfangen."

Das Museum, das seit seiner Eröffnung vor 18 Jahren Besuchermassen anzieht und das größte jüdische Museum Europas ist, hat sogar Israels Ministerpräsidenten erzürnt. In einem Brief hatte Benjamin Netanjahu die Bundesregierung gebeten, dem Museum die öffentliche Unterstützung zu entziehen, unter anderem wegen der gerade zu Ende gegangenen Ausstellung "Welcome to Jerusalem", da diese ein antiisraelisches, propalästinensisches Bild zeige. Dabei präsentierte die Ausstellung auf sehr anschauliche, nicht wertende Art den verwirrenden, hochkomplexen Status-quo-Zustand einer umkämpften Stadt mit Kunstwerken, Objekten, Fotos, Dokumenten und Filmen. Die vielen Videos, in denen Bewohner der drei monotheistischen Religionen zu Wort kommen, waren alles andere als ideologische Bevormundung. Die Bundesregierung ignorierte Netanjahus Appell.

Ebenfalls im vergangenen Jahr geriet das Museum in die Schlagzeilen, als es auf Druck der israelischen Botschaft in Berlin den Vortrag des in den USA lebenden palästinensischen Friedensforschers Sa'ed Atshan über den Alltag von Homosexuellen in Ostjerusalem an einen anderen Ort verlegte, weil Atshan mit BDS sympathisiere. Der Entschluss war unter den Mitarbeitern des Museums sehr umstritten gewesen. Viele hatten Museumsdirektor Schäfer vorgeworfen, er habe dem Druck einfach nachgegeben, anstatt das Programm des Museums nach außen zu verteidigen.

Schäfers Position wackelt, heißt es jetzt aus Kreisen der Museumsmitarbeiter. Zwar hat Schäfer gerade erst seinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert bis Oktober 2020, damit in Ruhe ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht werden kann. Doch viele halten es für ausgeschlossen, dass er bis dahin noch im Amt bleiben kann. Schäfer hat immer wieder betont, dass das Museum eine Plattform sei für Diversität, in der alle Stimmen gleichberechtigt zu Wort kommen sollen. Offenheit sei "gelebte Wirklichkeit des Jüdischen Museums Berlin". Zu der Wirklichkeit gehört aber auch, dass der 75 Jahre alte Schäfer, der zwischen 2005 und 2013 an der Universität Princeton das Studienprogramm für Judaistik geleitet und grundlegende Texte der jüdischen Tradition übersetzt und herausgegeben hat, von vielen Mitarbeitern als unglückliche Wahl betrachtet wird. Eine Mitarbeiterin formuliert es so: "Was wir jetzt brauchen, ist eine junge jüdische Frau, die ein Museum leiten kann."

Ein anderer, langjähriger Mitarbeiter aus dem Museum sagt, das Jüdische Museum Berlin "versteht sich als Forum für Diskussionen und Gespräche über gesellschaftlich relevante Fragen". Das missfalle aber jenen, die "in Schwarz-Weiß-Kategorien" denken, in denen es "nur noch Gegner und Feinde, Gute und Böse" gebe. Allerdings fand er den Tweet der Pressestelle auch "problematisch", denn das Museum dürfe zwar eine Plattform für kontroverse Diskussionen sein, sei aber zugleich zu einer "strikt neutralen Haltung verpflichtet" Die massive Kritik am Museum bezeichnet er als "kolossal diffamierend". Die Kritiker beanspruchten "die Definitionshoheit darüber, was jüdisch sein soll und lassen keine Differenzierungen zu".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass die Pressesprecherin den strittigen Satz "Der Beschluss der Parlamentarier hilft im Kampf gegen den Antisemitismus nicht weiter" aus dem taz-Artikel zitiert habe ohne dies kenntlich zu machen. Dies ist nicht korrekt; das Zitat stammte aus dem Schreiben der Wissenschaftler. Zudem hieß es in einer früheren Version dieses Textes, die Pressesprecherin sei fristlos entlassen worden. Richtig ist, dass sie sie mit sofortiger Wirkung freigestellt wurde. Wir haben das entsprechend korrigiert.

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