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Zentralrat der Juden wählt Präsidenten:"Ich habe es so gewollt"

Bubis förderte ihn, seine Kandidatur als Finanzreferent, seine Präsidentschaft beim jüdischen Sportclub Maccabi. Und Graumann lernte, wie das politische Geschäft funktioniert. Bei den Auswärtsspielen wurden die Maccabi-Kicker beschimpft: "Vergasen!" brüllten die Fans der Gegner. Er beschwerte sich beim hessischen Fußballverband, vergebens. Dann ging er an die Presse, und alle Türen taten sich auf, wenn auch hinter einer ein Verbandsmensch saß und ihn "mit euch Juden hat man nur Ärger" begrüßte - "das ist heute unter DFB-Präsident Theo Zwanziger sehr anders".

Die Lektion war klar. Die jüdischen Gemeinden haben Erfolg, wenn sie mit dem Skandal drohen, Graumann hat das oft genug gemacht. Er hat für den Zentralrat mit dem Innenministerium immer wieder über den Status und die Unterstützer der jüdischen Zuwanderer aus der Ex-Sowjetunion verhandelt, knallhart, wie es heißt. "Alle bisherigen Entschädigungsleistungen umfassen 20 Prozent dessen, was der NS-Staat den Juden geraubt hat", sagt er."

Und trotzdem ist er nicht glücklich mit dieser Rolle: "Wir müssen raus aus der Meckerecke", sagt er, "wir dürfen keine Trauergemeinschaft werden". "Holocaustbewusst", nicht "holocaustzentriert" sollten die Gemeinden sein, sich als Religionsgemeinschaft profilieren, "bei der es Spaß macht, dabei zu sein". Revolutionär klingt das. Aber Graumann weiß zu gut, dass die Journalisten wieder bei ihm anrufen werden, wenn es um Rassismus oder Rechtsextremismus geht. Und er antworten wird und das Bild bleibt von der jüdischen Mahngemeinschaft, das ihm so missfällt.

Das Zeugnis der Überlebenden schwindet

Die Wochen vor dem 9. November haben Graumann das Unentrinnbare gezeigt: Viele Gemeindemitglieder empörte, dass der Israel-Kritiker Grosser reden sollte. Aber was sollte er tun? Gar nichts, dann sind die eigenen Leute sauer. Ganz wegbleiben, dann steht man als beleidigte Leberwurst da. Also hat er etwas zwischendrin gemacht. Hat gedroht, und ist doch geblieben. Hat in seiner Rede erst seine Parole "Raus aus der Meckerecke" ausgegeben und dann doch geklagt: über den Antisemitismus muslimischer Jugendlicher, die Israelfeindschaft, das ausbleibende NPD-Verbot. Die Rede spiegelte die Zerrissenheit der Graumann-Generation zwischen Aufbruch und alter Angst. Es wird im Zentralrat bleiben, wie es war. Nur das Zeugnis der Überlebenden verschwindet.

Graumann wird oft als hart und machtbewusst beschrieben, an diesem Novembertag kurz vor seiner Wahl wirkt er melancholisch. Was wird sein, wenn die Juden in Deutschland keine Synagogen mehr bauen, sondern schließen, weil die Zuwanderer die Gemeinden verlassen? Wird es gelingen, mitreißende Rabbiner zu gewinnen, werden die Russischstämmigen ihren Platz finden? "Wir sind eine kleine Gemeinschaft", sagt Graumann, verunsichert, die Mehrheit kaum sprachfähig. Und nun soll er das Positive befördern, den Optimismus, das Lebensfrohe. Er, der von Sonntag an rund um die Uhr bewacht sein wird; der Verlust an Freiheit, sagt er, ist das größte Opfer. Dann lacht er doch. "Ich hab es ja so gewollt."