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70 Jahre Zentralrat der Juden:Schuster sieht wachsendes "Unbehagen" der Juden in Deutschland

Festakt 70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht beim Festakt zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats im Innenhof der Neuen Synagoge in Berlin.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Dem Zentralratspräsidenten zufolge hat das auch mit einer "widerlichen Instrumentalisierung" der Judenverfolgung in der Corona-Krise zu tun - auch wenn die Mehrheit der Gesellschaft heute hinter den Juden stehe. Kanzlerin Merkel zeigt sich besorgt über einen "enthemmter" auftretenden Antisemismus.

Von Nico Fried, Berlin

Die Gäste blicken auf eine Ruine, aber sie steht auch als Symbol für einen Wiederaufbau. Vor dem, was in der Oranienburger Straße in Berlin von der einstmals größten Synagoge Deutschlands übrig geblieben ist, feiert der Zentralrat der Juden an diesem Dienstag sein 70-jähriges Bestehen.

Es ist ein Festakt in schwierigen Zeiten: Die Corona-Krise begrenzt nicht nur die Zahl der Teilnehmenden und gebietet große Abstände zwischen den Stühlen. Es ist auch ein Festakt in Zeiten, in denen sich in der jüdischen Gemeinde "ein Unbehagen" eingeschlichen hat, wie Josef Schuster es später nennen wird. Und er wird auch einige kritische Worte dazu sagen, was Corona und dieses Unbehagen miteinander zu tun haben.

Die politische Prominenz ist zahlreich vertreten an diesem Tag. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und weitere Vertreter des Parlamentspräsidiums sind gekommen, die Kanzlerin wird später den Festvortrag halten, viele Minister sind anwesend und auch ehemalige Würdenträger wie Ex-Bundespräsident Horst Köhler, Ex-Kanzler Gerhard Schröder und sein damaliger Außenminister Joschka Fischer. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, begrüßt aber auch Unterstützerinnen und Unterstützer aus der Gesellschaft wie die Verlegerin Friede Springer und die Schauspielerin Iris Berben.

Josef Schuster erinnert an die Gründung des Zentralrats im Juli 1950 in einer Privatwohnung in Frankfurt. Der Anlass war eigentlich die Interessenvertretung für versprengte und gestrandete Juden auf ihrem Weg, Deutschland zu verlassen. An jüdisches Leben in Deutschland zu glauben, so zitierte Schuster den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, müsse fünf Jahre nach dem Ende des Holocaust "eine völlige Utopie" gewesen sein. Und doch etablierte es sich im Land der Täter.

Schuster erinnerte daran, dass es auch nach 1945 Angriffe auf jüdische Einrichtungen gab, angefangen bei der Schändung der Kölner und anderer Synagogen 1950, bis zum Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober des vergangenen Jahres. Paul Spiegel, einer der Vorgänger Schusters, habe mit Blick auf die Zeit vor der Schoah von einer einseitigen Liebe der Juden zu Deutschland gesprochen.

Ob dies heute auch wieder gelte, fragte Schuster. "Nein", so seine Antwort, "die Zuneigung der jüdischen Gemeinde ist keine Einbahnstraße." Die Mehrheit der Deutschen stehe zur jüdischen Gemeinde - und auch "die etablierten Parteien", wie es Schuster formulierte, der in Interviews stets gerne auf Distanz zur AfD geht, ohne sie beim Namen zu nennen.

Schuster erinnert an Vertrauensvorschuss der Juden an Deutschland

Und trotzdem gebe es seit einiger Zeit dieses Unbehagen unter Juden in Deutschland. Das führe dazu, dass manche die Kette mit dem Davidstern lieber unter dem Pullover trügen. Oder ein T-Shirt mit der Aufschrift Israel lieber im Schrank ließen, weil Israel auch für den Antisemitismus herhalten müsse.

Besonders verärgert äußerte sich Schuster aber über die Verschwörungsmythen in Verbindung mit der Corona-Krise - und über Demonstranten, die sich wegen der Auflagen als Anne Frank stilisierten oder den gelben Stern trügen, den die Nazis den Juden im Dritten Reich angeheftet hatten. Er kenne Überlebende der Schoah, so Schuster, und er würde sich wünschen, dass sie "diese widerliche Instrumentalisierung nicht erleben müssten".

Schuster sprach schließlich von einem Vertrauensvorschuss, den die Juden diesem Deutschland gäben. Bundeskanzlerin Angela Merkel griff das Wort auf und erinnerte daran, dass schon die Gründer des Zentralrats diesen Vorschuss gewährt hätten. Sie bewundere die Kraft, die von diesen Menschen aufgebracht worden sei. Heute sei die jüdische Gemeinde in Deutschland die drittgrößte Europas. Neue Synagogen, Kindergärten und Schulen seien entstanden.

Merkel besorgt über enthemmt auftretenden Antisemitismus

Die jüdische Gemeinde, so die Kanzlerin, könne stolz sein auf das, was sie "im Vertrauen auf sich selbst und auf Deutschland" aufgebaut habe. Nach der Wende seien mit Juden aus Osteuropa die Gemeinden stark gewachsen. Deren Integration könne man trotz aller Schwierigkeiten, die es gegeben habe, als gelungen betrachten. Jüdisches Leben sei heute "ein konstitutiver Teil" des Landes.

"Wir dürfen uns über ein blühendes jüdisches Leben freuen, aber es ist nur ein Teil", so Merkel. Der andere Teil der Lebenswirklichkeit sei, dass sich Jüdinnen und Juden nicht sicher fühlen könnten. Dieser Teil mache ihr Sorge. Antisemitismus habe es immer gegeben, aber er trete heute "enthemmter" auf. Manche Einträge in den sozialen Medien trieften "von Hass und Hetze". Bildung und Aufklärung seien nötig, aber wo dies nicht ausreiche, müsse der Rechtsstaat zur Geltung kommen. Dafür habe man auch nach dem Anschlag in Halle neue Gesetze zum Schutz jüdischen Lebens verabschiedet.

Sie wünsche sich, so Merkel, dass sich im kommenden Jahrzehnt eine Hoffnung Paul Spiegels erfülle: "dass sich die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft immer wieder dankbar bewusst macht, wie viel Glück den Deutschen in den vergangenen Jahren zuteilwurde". Dankbarkeit sei die beste Grundlage für die Bereitschaft, die Erinnerung an das Unfassbare wachzuhalten. Der Zentralrat, so die Kanzlerin, habe "sich um unser Land verdient gemacht".

© SZ/gal
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