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70 Jahre Zentralrat der Juden:"Wir wissen, wie schnell aus Worten Taten werden können"

Merkel Zentralrat der Juden Festakt

Bundeskanzlerin Merkel beim Festakt des Zentralrats der Juden.

(Foto: dpa)

Zum Jubiläum des Zentralrats der Juden freut sich Kanzlerin Merkel über ein "blühendes jüdisches Leben" in Deutschland. Zugleich kritisiert sie einen wachsenden Antisemitismus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Zentralrat der Juden in Deutschland zu seinem 70-jährigen Bestehen als verlässlichen Partner in Politik und Gesellschaft gewürdigt. Zugleich kritisierte sie beim Festakt im Innenhof der Neuen Synagoge in Berlin einen wachsenden Antisemitismus. Dies bereite ihr "große Sorgen", so Merkel.

Die Kanzlerin betonte, viele Menschen, die die Schoah überlebt hätten, hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg kein Leben in Deutschland vorstellen können. Der Zentralrat sei deshalb zunächst als Provisorium gegründet worden, um jüdischen Menschen beim Auswandern zu helfen. "Wir dürfen uns über ein blühendes jüdisches Leben freuen", sagte Merkel. Das sei aber nur ein Teil der heutigen Lebenswirklichkeit.

Der andere sei, dass sich viele Juden in Deutschland nicht mehr sicher und nicht respektiert fühlten. "Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassismus und Antisemitismus in diesen Zeiten äußern", betonte Merkel. Zwar habe es Rassismus und Antisemitismus immer gegeben, er trete aber seit einiger Zeit sichtbarer und enthemmter auf. Beleidigungen, Drohungen und Verschwörungstheorien richteten sich offen gegen jüdische Bürger. "Dazu dürfen wir niemals schweigen", mahnte die Kanzlerin. "Wir wissen, wie schnell aus Worten Taten werden können." Sie verwies dabei auf den Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr. Antisemitismus sei ein Angriff auf "Menschen, die Menschlichkeit und das Menschsein an sich".

Der Zentralrat der Juden in Deutschland war am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet worden. Als Dachorganisation vertritt er die politischen und gesellschaftlichen Interessen von 23 Landesverbänden und 105 jüdischen Gemeinden mit etwa 100 000 Mitgliedern. Ab 1951 hatte der Zentralrat seinen Sitz in Düsseldorf, ab 1985 in Bonn und seit 1999 in Berlin, wo die Hauptverwaltung im Leo-Baeck-Haus untergebracht ist.

Ein Vorläufer des Zentralrats war das Zentralkomitee der befreiten Juden, das sich unmittelbar nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten und der Kapitulation Nazideutschlands 1945 gebildet hatte. "Was nach der Schoah als Provisorium startete, ist heute integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft", hatte Zentralratspräsident Schuster erklärt. Das jüdische Leben gehöre dazu. Wie in den vergangenen Jahrzehnten werde der Zentralrat auch künftig seine Stimme erheben, wenn etwa die Rechte der jüdischen Gemeinschaft oder anderer Minderheiten sowie demokratische Grundrechte gefährdet seien.

In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland zunehmend antisemitische Vorfälle registriert, zuletzt etwa bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Nach Angaben der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) gehörten etwa die antisemitische Bezugnahme auf den Nationalsozialismus oder die Verwendung von antisemitischen Verschwörungsmythen dazu.

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess um den Anschlag auf die Synagoge von Halle. Der 28-jährige Stephan B. hatte gestanden, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Darin feierten gerade 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Der Attentäter scheiterte jedoch an der Tür, erschoss daraufhin eine Passantin, die zufällig an der Synagoge vorbeikam, und später einen jungen Mann in einem Dönerimbiss.

© SZ/dpa/mkoh/odg
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