Zeitgeschichte Schlachten und Schweißnähte

Jean Lopez und seine Mitautoren versuchen, den Zweiten Weltkrieg in Grafiken zu erklären.

Von WERNER HORNUNG

Dieses Buch setzt auf eine klar definierte Zielgruppe. Auf der Titelseite des aus dem Französischen übersetzten Werkes steht "Den Zweiten Weltkrieg verstehen" und darunter erinnert eine Landungsskizze an den 6. Juni 1944, den D-Day in der Normandie. Dann folgt ein doppelseitiger Bilderbogen wie ihn männliche Militaria-Fans mögen: zu sehen sind ein Torpedoboot, Kampfflugzeuge und Panzer der Alliierten oder der Achsenmächte. Verfasst hat dieses großformatige "Nachschlagewerk" (ohne Register) der Historiker Jean Lopez, unterstützt von zwei Experten für Militärgeschichte. Der Clou bei den 53 Themenblöcken sind die Illustrationen; 357 Infografiken und Karten des Daten-Designers Nicolas Guillerat füllen den meisten Platz.

Eine ausführliche Vorgeschichte zum Zweiten Weltkrieg, wie sie etwa der britische Historiker Ian Kershaw kürzlich in seinem Meisterwerk "Höllensturz" geliefert hat, findet sich hier nicht. Gleich auf den ersten Seiten ist unter der Überschrift "Mobilisierung, Produktion und Ressourcen" vom Kriegsbeginn 1939 die Rede. Die restlichen drei Kapitel beschäftigen sich mit "Armeen und Waffen", "Schlachten und Feldzügen" bzw. mit verlustreichen "Bilanzen und Brüchen". Schon damit wird deutlich, welche inhaltlichen Akzente die Autoren gesetzt haben und was Nicolas Guillerat mit Hilfe von Symbolen, Formen und Farben grafisch darstellt.

Aus der Fülle an Informationen nur ein Beispiel, die Doppelseite "Panzer und Panzerabwehr: Schwert und Rüstung des Krieges". Nach einem knappen Textblock werden darunter verschiedene Besonderheiten in stilisierter Manier präsentiert: etwa die fünfköpfige Mannschaft im deutschen Panther-Kampfwagen aus der Vogelperspektive, die Schweißnaht des russischen T-34 oder millimetergenau die Hauptgeschützkaliber im US-Panzer M4 Sherman. Dass bei so vielen Details gelegentlich ein Wort nicht übersetzt ("hiver 1944") oder fehlerhaft gedruckt wurde ("Heersgrupe"), ist zu verzeihen.

Nicht aber der Mangel an fundierten historischen Erklärungen zu den Ursachen des Weltkriegs. Dieses Defizit lässt sich zum Beispiel an einem internationalen Vergleich der Nobelpreisträger 1901/39 ablesen; hier hat Lopez zwar die deutschen Physiker Philipp Lenard und Johannes Stark berücksichtigt, erwähnt allerdings nicht ihren Antisemitismus und ihre "Deutsche Physik", die gegen Albert Einstein gerichtet war. Damit hätte man freilich exemplarisch die Einstellung vieler Wissenschaftler hierzulande beschreiben können, die ja auch für die aggressive Politik der Nazis waren. Diese Mentalität von völkischen Geistesgrößen und all den Mitläufern zu charakterisieren, wäre wichtiger gewesen als manche Grafiker-Skizze von Munitionskisten, Maschinengewehren oder Schlachtfeldern.