Zeitgeschichte Mit dem "Eurofighter" über das 20. Jahrhundert

Edgar Wolfrum entwirft eine "andere" Gesamtdarstellung der vergangenen Epoche. Doch er übertreibt es mit der Dialektik.

Von Christoph Dorner

Historische Darstellungen mit Gesamtheitsanspruch sind für Historiker so etwas wie die Besteigung eines Achttausenders. Im Jahr 1958 veröffentlichte Golo Mann eine "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts", die als große literarische Erzählung der Wurzeln deutscher Gegenwart bis heute ein Standardwerk ist. An Versuchen, das 20. Jahrhundert mit all seinen Umwälzungen zu kartografieren, herrschte seitdem kein Mangel.

War es ein kurzes Jahrhundert der Gewalt, das vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer reichte? Endete mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gar das Antriebsmoment der Geschichte, weil sich die Prinzipien des Liberalismus weltumspannend durchsetzten? Man muss gar nicht erst Trump bemühen: Schon das geopolitische Streben Russlands und die Entstehung islamistischen Terrors weisen darauf hin, dass der berühmte Aufsatz vom "Ende der Geschichte", den Francis Fukuyama 1992 veröffentlichte, wohl nicht mehr als ein Relikt des späten 20. Jahrhunderts gewesen sein kann.

Insofern ist man neugierig, wenn Edgar Wolfrum nun eine dezidiert "andere Geschichte des 20. Jahrhunderts" vorlegt. Der Heidelberger Professor für Zeitgeschichte hat für sein 440-seitiges Buch das Narrativ von der "Welt im Zwiespalt" gewählt. Soziologen sahen sich ab den späten 1980er-Jahren in der Pflicht, die Ambivalenzen einer zunehmend unübersichtlichen Welt aufzuschlüsseln. Zygmunt Bauman prägte den Begriff der "flüchtigen Moderne", die gleichsam Freiheit und Machtlosigkeit erzeugt. Ulrich Beck schrieb einen Bestseller über die gesellschaftliche Produktion von Risiken durch die Wachstumslogik der Globalisierung.

Diesen ideengeschichtlichen Geist atmet auch das Buch Wolfrums. Seinem fast schon enzyklopädischen Zeitpanorama hat der Autor einen stilbildenden Satz von Stefan Zweig vorangestellt: "Aber jeder Schatten ist im Letzten doch auch ein Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt." Wolfrum arbeitet mit zeitgeschichtlichen Aphorismen, er zitiert Fidel Castro, Willy Brandt, die Schlagersängerin Caterina Valente, Neil Armstrong. Sie sind, ein jedes Kapitel über die mitunter verhängnisvollen Interdependenzen von Krieg und Frieden, von Vertreibung und Mobilität, von Naturbeherrschung und Umweltkatastrophen einleitend, aber nicht viel mehr als wächserne Stichwortgeber für eine makroskopische Analyse.

Wolfrum wählt an einer Stelle selbst das Bild des Fluges über "das mörderische Jahrhundert". Man möchte ergänzen: Er überfliegt das Zeitalter wie ein Eurofighter auf Aufklärungsmission. Er donnert auf wenigen Seiten über die wichtigsten Stationen der beiden Weltkriege und benennt dabei die vorherrschenden Zentrifugalkräfte mit dem argumentativen Schwung eines Leitartiklers, der Geschichte mitunter grob zusammenzufassen muss.

Was "Welt im Zwiespalt" besonders machen soll: Der Krieg ist nach dem Kapitel über den "Vater aller Dinge" (Heraklit) nicht einfach abgehandelt. Er kehrt als Einflussgröße auf weltweite Flüchtlingsbewegungen, den deutschen Babyboom der 1960er-Jahre oder die Institutionalisierung der Menschenrechte immer wieder in den Analyserahmen zurück. Dass der Autor beim Entflechten politischer, kultureller und wirtschaftlicher Umspannprozesse nie den Überblick verliert, dass er trotz einer eurozentrischen Sicht etwa auch Kultur- und Technikgeschichte und Geschlechterpolitik systematisch berücksichtigt, das ist eine Leistung.

Was das Buch allerdings nicht leisten will, ist Geschichte mit Detail- statt mit Begriffsschärfe zu erzählen, sie anhand ihres mitunter verhängnisvoll handelnden Personals und ihrer zäsurhaften Ereignisse zum Sprechen zu bringen. Das sollte Leser mit Spezialwissen abschrecken, zumal Wolfrum auch nicht wirklich "andere" Sichtweisen auf das Jahrhundert freilegt, sondern nurmehr das Ende des amerikanischen Zeitalters auf den 11. September 2001 datiert und den Klimawandel als größte Aufgabe für die internationale Gemeinschaft benennt.

Zwischen den Zeilen übertreibt es Wolfrum mit der Dialektik. Den Bruch zwischen der Epoche der Kriege und Katastrophen und dem nachfolgenden Siegeszug des modernen Industrie- und Wohlfahrtsstaat schildert er zwar schlüssig. Wenn er aber so tut, als würde er im Gegensatz zu vielen Historikern auch den Blick auf die zivilisatorischen Errungenschaften des Jahrhunderts richten, dann hat er wohl nur Bücher der Kollegen gelesen, die vor 1989 entstanden sind. Es ist ja auch nicht falsch, das 20. Jahrhundert gleichzeitig zum grausamsten und zum fortschrittlichsten Jahrhundert zu erklären. Nur ist es auch etwas bequem, denn man hat immer recht.

Edgar Wolfrum: Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2017. 447 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

(Foto: Klett-Cotta-Verlag)