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Zeitgeschichte:Maulwurf vom Dienst

Bodo Hechelhammer hat die Karriere des Mehrfach-Agenten Heinz Felfe akribisch untersucht. Dass einer für den BND und gleichzeitig für die Sowjets arbeiten konnte, hat vor allem mit der NS-Zeit zu tun.

Acht Jahre hat sich Bodo Hechelhammer mit Heinz Felfe befasst, nämlich "um als BND-Mitarbeiter zu begreifen, warum ein früherer Kollege Geheimnis- und Landesverrat begangen hat. Selbstkritisch muss ich eingestehen", schreibt er in seiner Danksagung, "dass acht Jahre zu viel waren."

Das stimmt und auch wieder nicht, denn einer musste den Job ja machen, und niemand ist dafür besser ausgerüstet als der ehemalige BND-Agent Hechelhammer, der seiner Behörde heute als Chefhistoriker dient. Als solcher hat er exklusiven Zugriff auf das BND-Archiv, aus dem er rekonstruieren konnte, wie der gelernte Feinmechaniker Felfe erst für das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), anschließend für den britischen Geheimdienst, dann den sowjetischen, schließlich den westdeutschen Auslandsgeheimdienst und die ostdeutsche Staatssicherheit arbeitete. "Vor allem aber arbeitete er immer für sich selbst", lautet das vorweggenommene Fazit.

Um das zu erkennen, braucht es allerdings keine acht Jahre. Mit fast übermenschlicher Geduld hat Hechelhammer die BND- und Stasiakten (nicht jedoch die sowjetischen Unterlagen) ausgewertet, mit den letzten Zeitzeugen gesprochen, er hat nicht nur jeden Urlaub verzeichnet, den sich Felfe gönnte, sondern weiß jeweils das genaue Datum der Abreise, wen er dabei mitnahm oder am Ferienort traf oder wann genau er weshalb den Urlaub vorzeitig abbrach. Heinz Felfe bleibt trotzdem eine mausgraue Gestalt, die in bester deutscher Tradition in jedem System mitarbeiten konnte, solange ihm ein geregeltes Ein- und Auskommen gesichert war.

Hechelhammer ist Mittelalterhistoriker und deshalb mit Quellenarbeit vertraut, aber kein besonders eleganter Schreiber. In onkelhafter Manier erblickt Felfe 1918 das berühmte "Licht der Welt", wird dann zum "kleinen Heinz", und irgendwann "läuteten die Hochzeitsglocken". Dresden kann nicht Dresden sein, sondern ist die "geliebte Heimatstadt", Felfe der "Naturfreund" und der "Familienmensch", bei dem sich aber - bei einem Geheimdienstler nicht furchtbar überraschend - die "Geheimdienstarbeit wie ein roter Faden als eigentliche Lebenskonstante erweist".

1969 übersiedelte Felfe in die DDR. Sogar für eine neue Frau sorgte dort die Stasi

Der rote Faden beginnt bei der Kriminalpolizei und wird dann ins RSHA gesponnen, wo Felfe zum Sicherheitsdienst (SD), also zur Geheimpolizei gehört. Er schwört die vorgeschriebenen Eide auf Hitler, aber nach dem Krieg lässt sich der "überzeugte Nationalsozialist" vom sowjetischen Geheimdienst gewinnen und erhält den Auftrag, sich in die Organisation Gehlen zu bewerben. In dieser Vorläuferorganisation des BND bewährt er sich vorschriftsmäßig als Antikommunist und steigt, durch östliches Spielmaterial bestens versorgt, in der Bundesbehörde bald zum Leiter der Spionageabwehr auf.

BND Zentrale in Pullach, 2013

Im Untergrund: Wenn es im Kalten Krieg mal gefährlich wurde, standen auf dem BND-Gelände in Pullach auch Bunkeranlagen bereit.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Immer wieder hatte es Warnungen gegeben, dass beim BND ein Maulwurf wühle, der gleichzeitig für die andere Seite im Kalten Krieg arbeite. Reinhard Gehlen persönlich nahm seinen eifrigen Mitarbeiter gegen den Vorwurf, der habe doch beim SD gewirkt, in Schutz; seine Vorgeschichte sei ihm "im Wesentlichen" bekannt. Zum Ärger der neidischen Kollegen traf Felfe neun Mal persönlich mit dem sonst so misstrauischen Gehlen zusammen, dem er mit freundlicher Unterstützung aus Moskau den Lageplan der KGB-Zentrale in Berlin beschaffen konnte.

Seine Enttarnung 1961 lieferte den schlimmsten Skandal für den BND, von da an war es auch mit der chronischen Überschätzung Gehlens vorbei, zu dem nur noch Marion Gräfin Dönhoff ( Zeit) und Hans Detlev Becker ( Spiegel) halten wollten. Felfe kam vor Gericht, wurde zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits Anfang 1969 gegen 21 in der DDR inhaftierte politische Gefangene ausgetauscht.

In der DDR verwandelte sich Felfe als Schützling des Großen Moskauer Bruders in einen typischen Bonzen, forderte und bekam ein Haus und ein auffälliges Westauto; Reparaturen und die Beschaffung von Ersatzteilen oblagen auf Moskaus Weisung ebenfalls der Staatssicherheit. Sogar für eine neue Frau sorgte die Stasi. Selbstverständlich wurde auch er überwacht, aber er konnte sich einige Frechheiten herausnehmen, zum Beispiel bei einer Pressekonferenz bei der Veröffentlichung seiner Memoiren die fehlende Reisefreiheit beklagen. Dem KGB war es auch zu verdanken, dass Felfe in zäher Arbeit diese nicht besonders aufregende Autobiografie angefertigt hatte. Sie sollte vom Erfolg des russischen Geheimdienstes künden, dem es gelungen war, einen Spion in der Zentrale des gegnerischen Bundesnachrichtendienstes zu platzieren.

Die DDR machte Felfe zum Professor in Kriminalistik, aber das war eher eine Sinekure. Schließlich war Felfe als Spion (die westliche Version) und als "Kundschafter des Friedens" (die östliche) acht Jahre im Gefängnis gesessen. Vor der Habilitation war ihm bereits der Doktortitel geschenkt worden. Für die Dissertation hatte er sich bei der Spiegel-Serie "Pullach intern" bedient, die wiederum im besten Benehmen mit dem BND entstanden war. Zu diesem zirkulären Informationsfluss passt, dass Hechelhammer das Spiegel-Gespräch von 1986, in dem Felfe für sein Buch "Im Dienst des Gegners" warb, als "gesteuertes Interview" bezeichnet. Nur wer da wessen Werkzeug war, wird nicht aufgeklärt.

Bodo V. Hechelhammer: Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe. Agent in sieben Geheimdiensten. Piper-Verlag, München 2019. 416 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

Das Geheimnis von Felfes Erfolgskarriere benennt Hechelhammer dann doch, wenn er es auch etwas ungeschickt formuliert: "Immer wieder drohte Felfe in seiner Nachkriegskarriere über seine SD-Tätigkeit zu stolpern, obwohl Nachrichtendienste davon wussten und sich schützend vor ihn stellten." Felfe konnte quer durch alle Systeme Spion bleiben, weil er beim RSHA gedient hatte. Im westdeutschen Sicherheitsapparat, beim BND, beim Bundesamt für Verfassungsschutz ebenso wie beim Bundeskriminalamt bedeutete die vorangegangene Tätigkeit im RSHA kein Einstellungshindernis. Ein SS-Rang mag heute als Schandfleck gelten, bei der Organisation Gehlen war das ein Befähigungsnachweis. Felfe gehörte zu den sogenannten Charlottenburgern, die im Dritten Reich ihre Ausbildung als Kriminalisten erfahren hatten. Später stellten sie die jüngere Generation nicht nur im BKA, weil sie sich als besonders nützlich erweisen hatten. BKA-Chef Paul Dickopf war, wie es sein Nachfolger Horst Herold formulierte, "mindestens Tripelagent"; bis zuletzt bezog er ein ansehnliches zweites Gehalt von der CIA. Es waren die Leute, die, in Konrad Adenauers unsterblicher Formulierung, "von der Geschichte von früher her etwas verstehen".

So verdienstvoll Hechelhammers Arbeit ist und so erschöpfend Felfes Leben hier dokumentiert ist, es fehlt ein Heinz-Felfe-Musical, Arbeitstitel: "Wie es euch gefällt".