bedeckt München 27°

Zeitgeschichte:Informant ohne Ansprechpartner

Und dann ist da die Akte Schlabrendorff. Am 30. September 1955 berichtetet der stellvertretende Leiter des FBI, Clyde Tolson, seinem Vorgesetzten Hoover in einem internen Memorandum von einem Gespräch, das er jenem Tag mit einem demokratischen Kongressabgeordneten und einem Rechtsanwalt geführt habe, der in der Kanzlei des Abgeordneten arbeitet. Beide, der Abgeordnete und der Anwalt, heißen Boykin mit Nachnamen. Verwandt sind sie nicht.

Frank Boykin vertritt den Bundesstaat Alabama im amerikanischen Kongress. Und in seiner Washingtoner Kanzlei arbeitet zu jener Zeit ein Anwalt namens Lykes Boykin. Der war im Zweiten Weltkrieg Kampfpilot gewesen und hatte nach Kriegsende ein Jurastudium begonnen. Im Jahr 1954 lernte er auf einer Reise nach Deutschland in Frankfurt den Anwalt Fabian von Schlabrendorff kennen. Beide schrieben sich fortan regelmäßig und trafen sich Ende August 1955 erneut in Hamburg.

An diesem Tag sollen sie über den Plan Schlabrendorffs gesprochen haben, für das FBI zu spionieren.

Für den Historiker Peter Steinbach, Leiter der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte in Berlin, ist diese Nachricht so etwas wie eine kleine Sensation. "Es gab immer mal wieder Gerüchte, dass Schlabrendorff mit den Amerikanern zusammengearbeitet haben könnte, aber niemals einen Beweis", sagt er. Über das Vorhaben setzte Schlabrendorff offenbar nicht einmal seine Familie in Kenntnis: "Das überrascht mich schon", sagt Dieprand von Schlabrendorff, der Sohn des 1980 verstorbenen Transatlantikers.

Eine "Sache von Leben und Tod" war die Operation für Schlabrendorff. Aus diesem Grund wollte er den Unterlagen zufolge auch keineswegs mit dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA zusammenarbeiten, dessen Direktor Allen Dulles er misstraute. Zu groß soll Schlabrendorffs Sorge gewesen sein, Dulles könne "etwas herausrutschen", wie es in der Notiz heißt. Das FBI hingegen habe "die beste Reputation in Sachen Geheimhaltung weltweit" und deshalb wolle Schlabrendorff an niemand anders berichten als an FBI-Chef Hoover persönlich. Dafür verlange der Informant kein Geld, allein die Reisekosten für die Fahrten zwischen Frankfurt und West-Berlin wolle er erstattet haben.

Zweifel an der "Operation Zebra"

Das Angebot Schlabrendorffs war beim FBI kaum aktenkundig, da begann innerhalb der Führung der Behörde schon eine Debatte darüber, wie mit der Offerte umzugehen sei. Am 4. Oktober schreibt ein Agent eine Stellungnahme zu dem Fall und warnt seinen Vorgesetzten Al Belmont, den damaligen Leiter der nachrichtendienstlichen Abteilung des FBI, davor, auf den Vorschlag Schlabrendorffs einzugehen. "Diese Operation ist klar außerhalb unserer Zuständigkeit", notiert er. Denn für Auslandsspionage sei eindeutig die CIA zuständig. Und der FBI-Agent hat noch mehr Zweifel: "Wir hätten keine Möglichkeit zu erfahren, ob die gelieferten Informationen richtig oder falsch sind." Damit, so heißt es, "würden wir den Ruf des Hauses auf die Verlässlichkeit von Schlabrendorffs und seiner Kontrolle über Niekisch bauen."

Schon einen Tag später, am 5. Oktober 1955, ist das "Projekt Zebra" beendet, bevor es überhaupt begonnen hat. Die FBI-Führung konstatiert, dass es in diesem Fall "nicht möglich" sei, sich "in dieser Sache zu engagieren". In der Pennsylvania Avenue werden noch ein paar Nachrichten ausgetauscht, bis das FBI die Akte Schlabrendorff zwei Monate später für immer schließt. "Dieses Büro", heißt es in einem Memorandum, "wird in dieser Sache keine weiteren Handlungen unternehmen."

Hintergrund
Die Akten des J. Edgar Hoover
Hoover Of The FBI

Jahrzehntelang bunkerte der exzentrische Gründer des FBI, John Edgar Hoover, die geheimsten Unterlagen seiner Behörde in einem eigens für sie eingerichteten Raum. Nun ist es mehreren europäischen Medien auf Initiative der Schweizer SonntagsZeitung gelungen, Einblick in 5393 Seiten Material zu erhalten. Die Auswertung der Akten zeigt: Schon in den vierziger Jahren haben die Vereinigten Staaten ein umfassendes Abhörprogramm betrieben. Und auch für die deutsche Nachkriegsgeschichte sind die Funde brisant. Zur SZ-Übersichtsseite.

Die FBI-Akten können Sie hier und hier als pdf-Datei herunterladen (>20MB).

© SZ vom 3.3.2014/joku

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite