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Zeitgeschichte:Geboren aus Kanonen

Der britische Historiker Keith Lowe beschreibt, welche Konsequenzen der Zweite Weltkrieg bis heute hat. Vor allem geht es ihm dabei um "konstruktive und destruktive Veränderungen".

Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Diese Weisheit des Philosophen Heraklit zitiert der britische Historiker Keith Lowe in seinem Buch über die Folgen des Zweiten Weltkriegs nicht, wohl aber einen französischen Zeitzeugen. Angesichts der kriegszerstörten bretonischen Hafenstädte Brest und Lorient ließ dieser den Satz fallen: "Stadtplanung wird oft aus der Kanone geboren." Aus diesen von Bomben zertrümmerten Städten lässt sich etwas machen, hieß das, die Gelegenheit, eine Stadt funktional zu planen, sollte man nutzen.

Natürlich galt das nicht nur an der französischen Atlantikküste. Überall in Europa rieben sich die überlebenden Stadtplaner und Architekten die Hände, im völlig zerstörten Warschau etwa, oder in Großbritannien, wo man den "Blitz", also den deutschen Bombenkrieg, im Nachhinein aus stadtplanerischer Perspektive als "unverhofften Glücksfall" betrachtete. Amerikanische Architekten, deren unverschuldetes Pech es war, in einem unzerstörten Land zu leben, waren neidisch auf die überlebenden Europäer, die nun "kühn planen" und neue Städte bauen durften.

In den folgenden 15 Jahren wurden die mittel- und osteuropäischen Städte vom Schutt befreit und neu errichtet, manchmal sogar "autogerecht" wie in Köln oder Hannover; aber es gab auch menschenfreundliche Ideen wie die Errichtung von "Gartenstädten", und fast immer vertraute man auf eine zentrale Planung. Was vor mehr als achtzig Jahren mit der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs durch Deutschland begann, hat jedoch längst nicht nur Folgen für die Architektur gehabt. Hier sind diese Folgen bis heute nur am augenfälligsten, jedenfalls dann, wenn ein Kundiger sie den Nachgeborenen erklärt.

Straßenverkehr in Stuttgart 1961

Autobahnen im Stadtzentrum, wie hier in Stuttgart 1961 – der Bombenkrieg machte es möglich.

(Foto: picture alliance / Harry Flesch)

Diese Rolle des Erklärers übernimmt Keith Lowe in seinem Buch. Er versucht, die "bedeutsamen destruktiven und konstruktiven Veränderungen" zu beschreiben, die der Zweite Weltkrieg auslöste und die bis heute andauern. Mittlerweile liegen vier Generationen zwischen dem Kriegsende und heute, die Wurzel dieser Veränderungen ist vielen Menschen nicht mehr bewusst. Welche heute 18-Jährigen fragen sich wohl, warum die Stadt, die sie bewohnen, so aussieht, wie sie aussieht? Warum Grenzen dort gezogen sind, wo sie sind? Oder warum gegen manche Völker Ressentiments bestehen, gegen andere aber nicht? Natürlich lässt sich nicht jede politische Handlung, jede gesellschaftliche oder architektonische Torheit als Erbe des Zweiten Weltkriegs erklären, und das tut Lowe auch nicht.

Aber er belegt anhand vieler Beispiele, dass "der Krieg" - der so prägend in seinem Schrecken und seinen Auswirkungen war, dass es bis heute ausreicht, ihn so zu nennen - ein lang anhaltendes, in vielem auch positives Vermächtnis hinterlassen hat. Man denke nur an die Schaffung supranationaler Institutionen, das Ende des Kolonialismus oder den Beginn der europäischen Zusammenarbeit.

Hannover, Köln und Stuttgart nutzten die "Chance" und bauten ihre Städte autogerecht um

Daneben steht natürlich der Beginn des Atomzeitalters und der Zerfall der Welt in einen freien westlichen und einen unfreien östlichen Teil, die Entstehung zweier gegnerischer Supermächte; aber auch die Errichtung eines neuen Fundaments für die Weltwirtschaft (bereits 1944 in Bretton Woods) mit dem schon bei seiner Gründung nicht unumstrittenen Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, der Vorläuferin der Weltbank. Die Grundlagen für ein längst nicht für alle Staaten vorteilhaftes Welthandelssystem wurden hier geschaffen; die internationale Lenkung von Geld, Entwicklung und Handel, die den in Bretton Woods versammelten Ökonomen um John Maynard Keynes vorgeschwebt hatte, funktionierte nicht für alle, und sie funktionierte nicht lange. Lowe beschreibt diese Entwicklung prägnant und verständlich.

Teile der Welt waren ohnehin ausgeschlossen, Bengalen etwa, dem Lowe eine längere Passage widmet. Die Region im Nordosten Britisch-Indiens war während des Krieges von der britischen Kolonialmacht rücksichtslos ausgebeutet worden, was 1943/44 eine apokalyptische Hungersnot zur Folge hatte. Die Briten scherte sie wenig. Kein Marshallplan kam Bengalen nach dem Krieg zu Hilfe, auch Unterstützung durch die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung (UNRRA) der gerade gegründeten Vereinten Nationen blieb aus.

Keith Lowe

Keith Lowe: Furcht und Befreiung. Wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 592 Seiten, 30 Euro.

(Foto: Klett-Cotta)

1947 wurde Bengalen im Zuge der Teilung des indischen Subkontinents zu Ostpakistan, was aber am Elend der Bevölkerung nicht das Geringste änderte. Besser wurde es auch nicht, als 1971 nach einem Unabhängigkeitskrieg die Republik Bangladesch entstand. Am Beispiel des Zeichners Chittaprosad Bhattacharya zeigt Lowe das fragile Leben der Bengalen, die zwar zweimal eine Art von Befreiung erlebten, aber kaum jemals frei waren von der Furcht vor Hunger, vor habsüchtigen Großgrundbesitzern und dem nächsten Tag.

Die Geschichte des 1978 völlig verarmt gestorbenen Künstlers und Kommunisten Bhattacharya ist eine von 25 Biografien, die Lowe in seine Schilderung der Nachkriegswelt einflicht. Jeder dieser Menschen steht für eine der vom Verfasser geschilderten Entwicklungen der Nachkriegswelt - der italienische Architekt Giancarlo De Carlo etwa für die Utopien des Bauens und der Stadtplanung nach dem Krieg; Françoise Leclercq, die die Résistance unterstützte, verkörpert den zähen Kampf für Gleichberechtigung in der europäischen Nachkriegsgesellschaft; der israelische Historiker Otto Dov Kulka steht für die Erinnerung an den Holocaust, den er überlebt und später erforscht hat; die Ukrainerin Ewgenija Kiselewa verkörpert den gleichzeitigen Verlust von allem, was in der sowjetischen Vorkriegsgesellschaft sicher schien: Ehe, Familie, gesellschaftliche Identität. Zwar zählte sie nicht zu den 27 Millionen sowjetischen Toten, ein Opfer des Kriegs und seiner Folgen war sie doch.

Die Idee Lowes, einzelne Schicksale von Menschen rund um den Globus mit den durch den Krieg ausgelösten Entwicklungen zu verknüpfen und diese dadurch anschaulich zu machen, hebt sein Buch unter den vielen Werken über die Nachkriegszeit hervor. Keinem der von Lowe Geschilderten gelang es, das Geschehene hinter sich zu lassen. Die "Stunde null" sei eine universelle Vorstellung gewesen, schreibt Lowe. Genauso universell war die Unmöglichkeit, etwas völlig Neues zu beginnen.

Zwar war die Welt nach 1945 eine grundlegend andere, auch das zeigt Lowes so fakten- wie lehrreiches Buch. Aber die Einheit, die Nationen wie etwa die britische im Krieg erreicht hatten, war nicht von Dauer. Und die alten Reflexe der Furcht vor dem Fremden, vor dem "Anderen", und diejenigen, die sie instrumentalisieren, sind zu Lowes Besorgnis mittlerweile wieder da.