Zehn Jahre Srebrenica Getrennt durch das Unaussprechliche

Wo Tausende Muslime von Serben ermordet wurden, leben wieder beide Volksgruppen - in prekärer Nachbarschaft und mit einem großen Tabu.

Von Von Bernhard Küppers

Der Platz in der Ortsmitte heißt noch wie einst, "Platz der Brüderlichkeit und Einheit". "Bratstvo i jedinstvo", das war einmal die Losung der Tito-Kommunisten für ihren jugoslawischen Vielvölkerstaat. Hier, in Srebrenica, kommt einem das Motto aber fast vor wie eine Grabinschrift. Der Bürgermeister der bosnischen Kleinstadt, deren Namen für das schlimmste Verbrechen des Jugoslawienkriegs steht, versteht es aber nicht so.

Eine Frau wartet auf dem Friedhof in Potocari, wo ihre ermordeten Verwandten begraben werden sollen

(Foto: Foto: AFP)

Abdurahman Malkic findet es vielmehr bemerkenswert, dass er sich Terrasse des "Nightclub Davidoff"gerade an diesem Platz mit ausländischen Journalisten trifft: "Schreiben Sie, dass Sie mit dem muslimischen Bürgermeister von Srebrenica in einem Café gesessen haben, das von Serben betrieben wird", sagt er auf der Terrasse des "Nightclub Davidoff".

Malkic erwartet am 11. Juli Zehntausende zu einer Gedenkfeier in seiner Stadt. Zum zehnten Mal jähren sich die Massaker, die Serben nach der Einnahme Srebrenicas an mehr als 7000 Muslimen verübt haben sollen. Ein Richter des Haager Tribunals für Kriegsverbrechen nannte das, was damals geschah, "Szenen aus der Hölle, geschrieben auf den dunkelsten Seiten der Menschheitsgeschichte".

Was damals geschah, ist heute tabu zwischen Serben und zurückgekehrten Muslimen in dem trostlosen Ort in einem ostbosnischen Gebirgstal, der umgeben ist von den Hinrichtungsstätten und Massengräbern. An diesem Montag werden in Srebrenicas Vorort Potocari unter islamisch grünen Grabtafeln neben bisher 1300 identifizierten Opfern rund 600 weitere Tote beerdigt. Im Herbst 2003 hatte der ehemalige US-Präsident Bill Clinton den Gedenkfriedhof eingeweiht. Seither hat sich einiges verändert.

Warum die Anklägerin fehlt

Das Haager Tribunal für Kriegsverbrechen hat in der Zwischenzeit in einem rechtskräftigen Urteil gegen einen General der bosnischen Serben die Massaker von Srebrenica als Völkermord gewertet. Unter dem Druck des internationalen Bosnien-Gouverneurs Paddy Ashdown hat die bosnische Serbenrepublik (Republika Srpska) die Ermordung Tausender Muslime durch ihre Streitkräfte eingestanden und bedauert.

Der sich lange sträubende serbische Ministerpräsident Vojislav Kostunica hat im Zusammenwirken mit der Regierung der bosnischen Serben dem Haager Tribunal 14 noch fehlende Angeklagte übergeben, darunter acht, die den Massenmord von Srebrenica organisiert haben sollen. Und der serbische Präsident Boris Tadic will zur Gedenkfeier kommen, um sich, wie er sagte, vor den Opfern des Verbrechens zu verneigen, "das Angehörige meines Volkes im nationalen Namen begangen haben".