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Zehn Jahre nach der Finanzkrise:Den politischen Preis wird Amerika noch lange zahlen

Es ist daher kein Wunder, dass auch in Amerika die politische Radikalisierung in den Krisenjahren nach 2008 zunahm. Am linken Rand entstand die "Occupy Wall Street"-Bewegung, deren Erfolg eher mäßig war. Am rechten Rand sammelte sich die Tea Party, beinhart konservativ und von enormer Schlagkraft. So verschieden beide ideologisch waren, sie hatten doch eine gemeinsame Wurzel: die Wut vieler Bürger darüber, dass die Schuldigen an der Krise nicht bestraft, sondern auf Kosten der Allgemeinheit freigekauft wurden. Bail-out wurde zum toxischen Wort.

Und noch etwas starb 2008: das Vertrauen der Amerikaner in die Menschen, die das Land wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch anführen. "Das Establishment", "die Eliten" - für viele Bürger wurden das Synonyme für einen korrupten, unfähigen Klüngel aus Politikern, Konzernbossen und Medienschwätzern, die sich die eigenen Taschen füllen und dann die normalen Leute für ihre Fehler bezahlen lassen. Das mag, was die tatsächlichen ökonomischen Ursachen der Krise angeht, eine falsche Sichtweise sein. Aber für die politischen Folgen sind wirtschaftliche Fakten zweitrangig. In psychologischer Hinsicht war 2008 ein Bruch: "Die da oben" hatten "die da unten" erst verkauft und dann verraten.

Ohne diese Radikalisierung und ohne diesen Vertrauensverlust hätte Trump die Präsidentschaftswahl wohl nicht gewonnen. Vermutlich wäre er nicht einmal der republikanische Kandidat geworden. Das Parteiestablishment hätte genug Kraft gehabt, um ihn in den Vorwahlen zu stoppen, so wie das demokratische Parteiestablishment den überraschend beliebten Linksausleger Bernie Sanders stoppte.

Aber so, wie die Lage 2016 war, siegte bei den Republikanern der radikalste Kandidat, der das Establishment am härtesten attackierte: Donald Trump. Und dann fand dieser Kandidat gerade genügend Wähler, die die Politiker ohnehin seit Langem satthatten, die seit Jahren von der Globalisierung zerrieben wurden, ohne dass die Regierung ihnen half, die schon abgestiegen waren oder Angst vor dem Abstieg hatten. Wie schnell und erbarmungslos das gehen kann, hatten sie ja gerade erlebt. Und die lieber einen lügenden Scharlatan wählten, als noch einmal einem etablierten Politiker zu vertrauen.

Dieser fundamentale Bruch lässt sich nicht durch eine sinkende Arbeitslosenquote oder durch ein paar Quartale mit gutem Wachstum kitten. Den politischen Preis für die Finanzkrise wird Amerika noch lange bezahlen.

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