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Zapfenstreich für Horst Köhler:Aus dem Staub gemacht

Der Große Zapfenstreich für Horst Köhler markiert das Ende einer Präsidentschaft, das vielen noch immer unerklärlich ist. Bevor sich die Wogen geglättet haben, ist es für Erklärungen wohl noch zu früh.

Thorsten Denkler, Berlin

Diese Stille fällt auf. Einige hundert Menschen stehen und sitzen im Park hinter dem Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten. Aber mehr als das Rauschen der Blätter ist kaum zu hören. Gleich wird er herauskommen. Horst Köhler, Bundespräsident a. D.

Koehler mit Grossem Zapfenstreich verabschiedet

Mit einem Großen Zapfenstreich wird Horst Köhler als Bundespräsident verabschiedet.

(Foto: ddp)

Der Große Zapfenstreich der Bundeswehr steht an. Eine Abschiedsgeste, die grundsätzlich nur dem Bundespräsidenten, dem Kanzler und dem Verteidigungsminister zusteht und angetragen wird. Er muss sie nicht annehmen.

Köhler soll sehr zeitnah nach seinem Rücktritt das Angebot angenommen haben. Vielleicht glaubt er, dass ihm das zusteht. Vielleicht auch nicht. Wer soll das schon sagen bei einem Präsidenten, der ein großes Warum hinterlässt: Warum nur ist Horst Köhler zurückgetreten?

Die Ehrengäste sitzen bereits. Die Szenerie erinnert an ein Staatsbegräbnis. Schwarz ist die vorherrschende Farbe, niemand lächelt. Und wenn auch nur, weil der Nebenmann einen unpassenden Witz erzählt hätte. Doch ist dies der Abschied von einem Lebenden, von einem, der vier Jahre vor der Zeit einfach nicht mehr wollte.

Der Rücktritt hat viele erschüttert. Die einen, weil in ihren Augen ein verdienter Präsident von der Politik vergrault wurde. Die anderen, weil sie im Rücktritt selbst einen Skandal sehen, der nicht nur Köhler, sondern vor allem das Amt beschädigt hat.

Beim kleinen Empfang zuvor im Schloss soll die Stimmung "gefasst" gewesen sein. Köhlers Familie ist bei ihm, enge Freunde und Mitarbeiter. Köhler hat sich gewünscht, dass auch Kanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Guido Westerwelle, Bundestagspräsident Norbert Lammert und ein Vertreter des Bundesverfassungsgerichtes dabei sind. Zumindest die ersten beiden stehen im Verdacht, Mitauslöser für die Rücktrittsgedanken von Köhler gewesen zu sein. Fehlender Rückhalt als Motiv.

In seiner kurzen Begrüßung der Gäste erwähnt er keinen der Vorgenannten namentlich. Teilnehmer berichten, er habe sich lediglich darüber gefreut, dass die "Verfassungsorgane" alle erschienen seien. Nur Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Stephanie soll er mit Namen begrüßt haben. Wären Merkel und Westerwelle empfindlich, sie könnten das als Affront auffassen.

Die Frage nach dem Warum will er auch in diesem Kreis nicht beantworten. Mangelnder Respekt vor dem Amt. Das hatte er am Tag seines Rücktritts vor zwei Wochen als Grund angegeben. Er hatte zuvor in einem Interview den Eindruck erweckt, er habe nichts gegen Wirtschaftskriege. Die Kritik danach muss ihn erschüttert haben.

Militärmusikliebhaber hätten ihre Freude gehabt

"Dem ist von mir nichts hinzuzufügen", sagt er hier im Schloss Bellevue. So berichtet es zumindest die Pressesprecherin des Bundespräsidialamtes, die Köhler noch kurz vor seinem Abgang eingestellt hat und die sich wohl bald nach einem neuen Job umsehen muss. "Ich habe die Entscheidung getroffen, die ich für richtig hielt und weiterhin halte", sagt er noch. Und: "Respekt und Wahrhaftigkeit sollten in der politischen Kultur unseres Landes einen festen Platz behalten." Ein anderer Teilnehmer berichtet, Köhler habe bei diesen Sätzen Tränen in den Augen gehabt. Köhler, der Unverstandene?

Der Große Zapfenstreich ist vorbei. Wunschgemäß hat das Stabsmusikkorps der Bundeswehr den St. Louis Blues March gespielt, eine heitere Melodie mit traurigem Text. Es geht um verlorene Liebe, natürlich. Die erste Strophe geht so: "Ich hasse es, die Abendsonne untergehen zu sehen. Denn mein Schatz hat diese Stadt verlassen. Ich werde mich morgen genau wie heute fühlen. Ich packe meinen Koffer und mache mich aus dem Staub."

Davor kamen noch der Marsch der Elisabether und der Marsch aus der Zeit Friedrich des Großen, ebenfalls nach Köhlers Wünschen. Militärmusikliebhaber hätten ihre Freude gehabt. Geklatscht aber wird beim Zapfenstreich nicht.

Nur am Schluss, als alles vorbei ist, als die Fackelträger, die Musiker, die Waffenträger abmarschiert sind, als Horst Köhler an der Seite seiner Frau schon auf halbem Weg zum Schloss Bellevue ist, da spenden die Gäste einen warmen Applaus, im Stehen. Köhler dreht sich um, als hätte er damit nicht mehr gerechnet. Er winkt kurz, lächelt, fasst seiner Frau an den Arm, als müsse er bei ihr Halt suchen. Dann gehen sie weiter, durch das Schloss hindurch auf die andere Seite, wo der Wagen wartet.

Köhler und seine Frau Eva Luise steigen ein und fahren davon. Womöglich in die Dienstvilla das Bundespräsidenten in Berlin-Dahlem. Ein paar Tage noch dürfen sie hier wohnen, bis sie eine geeignete Bleibe gefunden haben. Irgendwann vielleicht wird er sich erklären, wird Antworten geben auf die Frage nach dem Warum. Vielleicht ist dafür nur einfach noch zu früh. "Ich werde mich morgen genau wie heute fühlen. Ich packe meinen Koffer und mache mich aus dem Staub." So heißt es im St. Louis Blues. Köhler tut gut daran zu warten, bis sich der Staub gelegt hat.

© sueddeutsche.de/gba
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