Zahlencode für Atomwaffen-Einsatz Der verlorene Keks

Nuklearer Tölpel: Bill Clinton soll in seiner Zeit als US-Präsident den geheimen Code zum Einsatz der Atomwaffen verlegt haben - er blieb monatelang verschwunden.

Von Christian Wernicke

Mindestens ein halbes Dutzend Hollywood-Thriller hat den Moment ausgemalt: Das Reich des Bösen, wahlweise beheimatet in Moskau oder in Teheran, ist drauf und dran, seine Atomraketen auf den guten Teil der Menschheit abzufeuern - und Amerikas Oberbefehlshaber muss eiligst entscheiden, ob er schneller schießt.

Vergesslich: Bill Clinton - hier im Oktober 2010.

(Foto: AP)

Beflissen fummelt ein US-Major an Computern herum, derweil dem Präsidenten der Schweiß auf der Stirn steht und er in die Innentasche seines Jacketts greift, um nach der kleinen Plastikkarte mit dem Geheimcode zu suchen. Gerade begreift der Zuschauer, dass gleich die ganze Welt im atomaren Armageddon versinken wird, da taucht irgendein Held auf - meist ein ebenso smarter wie schmucker Geheimagent "made in USA" - und rettet in vorapokalyptischer Sekunde den Blauen Planeten.

Die Wirklichkeit sieht weit weniger dramatisch aus. Nichts von dem, was in den vergangenen Jahren nach außen drang durch die Mauern des Weißen Hauses, nährt die Sorge, dass die Welt seit Ende des Kalten Krieges je nahe am Abgrund eines Atomkrieges gestanden hat.

Im Gegenteil, der frühere Chef des US-Generalstabs, Hugh Shelton, hat nun in seinen Memoiren enthüllt, dass die Supermacht im Jahr 2000 monatelang schlag-unfähig gewesen sei: Der damalige Präsident Bill Clinton hatte seine weiße Code-Karte, im Jargon atomarer Sicherheitsexperten "the biscuit" (der Keks) genannt, verschludert.

Fast beiläufig erwähnt General Shelton auf Seite 392 seiner Erinnerungen ("Ohne Zögern - Die Odyssee eines amerikanischen Kriegers") den Vorfall. Clinton muss sein Land in außerordentlich großer Sicherheit gewähnt haben, denn er hielt es über Wochen nicht für nötig, seine Generäle zu informieren. "Das war ein dickes Ding, ein gigantisches Ding", erzählt der General.

Raus kam die Panne erst, als der alte Code routinemäßig durch eine neue Zahlenfolge ersetzt werden sollte. Zweimal hätten zivile Clinton-Vertraute die Offiziere hingehalten unter dem Vorwand, der Präsident sei in einer Besprechung und dürfe nicht gestört werden. Als die Nuklearstaffeln immer lauter drängelten, ließ der Präsident schließlich wissen: Sein Keks war weg.

Im Ernstfall wäre damit das Kommandosystem blockiert gewesen, das sicherstellen soll, dass der US-Präsident allerorten zuschlagen kann. Dafür weilt tags wie nachts ein US-Offizier in Reichweite, der den sogenannten Football trägt: jenen mit schwarzem Leder ummantelten Stahlkoffer, in dem sich das Brevier mit all den Optionen zum nuklearen Gegenschlag befindet, samt der drei aus dem Steakhouse entliehenen Eskalationsstufen "rare", "medium" und "well done".

Der politische Zündmechanismus besteht aus zwei Personen. Neben dem Präsidenten muss ein weiteres Regierungsmitglied, möglichst der Verteidigungsminister, den nuklearen Befehl bestätigen. Und damit nie irgendein maliziöser Scharlatan am Telefon vortäuschen kann, der Herr der freien Welt zu sein, muss der Präsident seinen Keks zücken und sich per Code identifizieren.

Schon ein anderer Offizier hatte Clinton beschuldigt, sorglos mit seinen Codes umzugehen. Nur hatte Colonel Robert Patterson, einst nuklearer Kofferträger, dann erbitterter Clinton-Hasser, behauptet, er habe den Präsidenten 1998 am Tag nach Bekanntwerden von dessen Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky ertappt. Und Clinton war eh nicht der erste nukleare Tölpel: Jimmy Carter hatte sein Jackett samt Codes in die Reinigung geschickt.