Deutsch-türkische Beziehungen:Klima zwischen Washington und Ankara verschärft sich

Noch unangenehmer ist für Ankara der Konflikt mit dem wichtigsten Verbündeten der Türkei: den Vereinigten Staaten. Seit türkische Truppen auf syrischem Boden offensiv gegen die kurdische Miliz YPG vorgehen, verschärft sich das Klima zwischen Washington und Ankara nahezu täglich. Der Hintergrund ist so einfach wie gefährlich: Während Erdoğan in den Kurden Terroristen sieht, unterstützt Washington die YPG im Kampf gegen die Terrormiliz IS. Und das geschieht nicht nur mit Waffen und Geld, es geschieht offenbar auch mit amerikanischen Informationen und Soldaten.

Es ist deshalb kein Wunder, dass der zuständige US-Befehlshaber Ankara offen mit Waffengewalt gedroht hat, sollten eigene Leute durch türkische Soldaten sterben. Und weil Recep Tayyip Erdoğan ist, wie er ist, antwortete er, die USA wüssten wohl nicht, wie sich eine "osmanische Ohrfeige" anfühle. Dass Yıldırım Ankaras unverhohlene Drohung im ARD-Interview noch einmal wiederholte, unterstreicht nur, wie explosiv die Lage geworden ist.

Je schärfer die Töne also werden, desto dringlicher wird es für Ankara, an anderer Stelle für Entspannung zu sorgen. Ob sich mit den freundlichen Signalen Richtung Berlin auch das verbindet, worum die türkische Regierung seit Wochen bittet, ist freilich offen und dürfte beim Treffen im Kanzleramt heftig diskutiert werden: das Bedürfnis der Türkei, aus Deutschland gelieferte Panzer auch gegen Sprengminen nachrüsten zu können.

Hier wird das Terrain für jede Bundesregierung gefährlich, ganz gleich, ob Yücel frei kommt. Längst haben die Grünen, die Linken und auch zahlreiche Sozialdemokraten Widerstand angekündigt. Zu offensichtlich kommen die Panzer auch im Krieg gegen die YPG zum Einsatz; zu eindeutig würden Nachrüstungen also dem Grundsatz widersprechen, Kriegsmaterial nicht in Krisengebiete zu liefern.

Doch weil Ankara Nato-Partner ist, bleibt auch diese Frage so kompliziert wie alle anderen im Verhältnis zur Türkei - und dürfte dazu führen, dass nicht nur die türkische Regierung, sondern auch die von Angela Merkel derzeit über vieles intensiv nachdenkt.

Deniz Yücel erklärte zum Jahrestag seiner Haft: "Für manches lohnt es sich zu kämpfen." Denn: "Mit Sorge allein kommt man nicht weit." Könnte sein, dass wenigstens seine akutesten Sorgen bald der Vergangenheit angehören.

Deniz Yücel

Was seit seiner Inhaftierung passiert ist

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