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Xavier Bettel:Luxemburger mit Verhandlungs-Frust

Mit Merkel spricht Xavier Bettel gern mal über die Weltlage, "bei einem Gläschen oder zwei". Auch gegenüber seinem Vorgänger Juncker zeigte er sich zuletzt konziliant. Doch nun ist Luxemburgs Premier zum Buhmann der Briten mutiert.

Am Anfang hat sich Xavier Bettel noch völlig unter Kontrolle, trotz der seltsamen Lage. Luxemburgs Premier steht vor seinem Pult, doch neben ihm herrscht Leere. Kurzfristig hat Boris Johnson ihre Pressekonferenz abgesagt; offiziell aus Sorge, dass die Politiker im Freien nicht zu hören sein würden, weil einige Dutzend Menschen ihrem Unmut über die Brexit-Strategie des britischen Premiers Ausdruck geben.

Bettel stört dies nicht. So kommt es zu einem Auftritt, der den 46-Jährigen auf der Insel zur Hassfigur macht, aber auch zur Folge hat, dass ihm die Sympathien vieler Europäer zufliegen. Denn Bettel verbirgt seinen Brexit-Frust nicht.

Mehrfach deutet er mit beiden Händen auf das leere Pult und fordert London auf, den Juristen der Verhandlungsteams endlich "schriftliche Texte, mit denen man arbeiten kann", vorzulegen. "Hört auf zu reden und handelt", ruft er dem abwesenden Johnson und den Seinen zu, denn nur sie könnten den "Albtraum" beenden.

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In der Fragerunde wird Bettel immer deutlicher. Er ruft die Konservativen auf, die Bürger auf beiden Seiten des Kanals zu berücksichtigen: "Man kann ihre Zukunft nicht für parteipolitischen Nutzen zur Geisel nehmen."

Er spricht aus, was in Brüssel alle denken: Die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten seien nicht schuld daran, dass der Brexit noch nicht vollzogen ist; es liege ein Abkommen vor, das Theresa May akzeptiert hat. Der Brexit sei eine einseitige britische Entscheidung; und bevor er unter Applaus die Bühne verlässt, sagt Bettel: "Dies sind hausgemachte Probleme", und die EU-27 seien "nicht verantwortlich für den Schlamassel".

In dem 66-Millionen-Einwohner-Land Großbritannien landet der Premier aus dem Großherzogtum mit 600 000 Bewohnern auf den Titelseiten vieler Zeitungen. Von "Demütigung" schreibt der linke Guardian, während der Daily Telegraph schimpft: "Luxemburg lacht Johnson ins Gesicht." Von einem "Hinterhalt" ist die Rede, und die Boulevardzeitung Daily Express sieht sich bestätigt: "Kein Wunder, dass Großbritannien dafür gestimmt hat, die EU zu verlassen."

Aus Brüsseler Sicht verwundert es, dass Bettel zum Buhmann der Briten wurde. Mit Charles Michel aus Belgien und Frankreichs Emmanuel Macron bildet er die "liberale Boygroup". Bettel ist zwar bekannt für knackige Sprüche, die er vor Gipfeln geduldig und in mehreren Sprachen in die Kameras sagt - aber auch für Optimismus und Kompromissfähigkeit.

Bei Politico schwärmte er kürzlich von Angela Merkel, die er für ihre Haltung in der Flüchtlingskrise bewundere. Er liebe es, nach den Gipfeln mit der Kanzlerin über die Weltlage zu sprechen: "bei einem Gläschen oder zwei". Im Juni zeigte ein Video Bettel, wie er den Noch-EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker tröstete und ihm den Rücken rieb. "Bettel ist der Freund, den wir alle brauchen", hieß es damals in einem unironischen Tweet.

Dieser Clip ist umso bemerkenswerter, als Bettel Ende 2013 Juncker knallhart aus dem Amt des Luxemburger Premiers fegte. Dessen Christlich-Soziale Volkspartei blieb zwar stärkste Kraft, aber Bettels Demokratische Partei formte mit Sozialdemokraten und Grünen eine Regierung. Dabei half ihm, dass er nach seinem Jurastudium in Nancy mit nur 26 Jahren ins Parlament gewählt wurde. Im Herbst 2018 verteidigte die Koalition ihre Mehrheit.

Kritiker halten Bettel dennoch vor, keine Antwort auf drängende Probleme zu finden. Das Land "ersticke an seinem Wachstum", urteilt das Luxemburger Wort und beklagt Dauerstau, Fixierung auf geringe Steuern, Deregulierung in der Finanzbranche und die für junge Leute unerschwinglichen Immobilienpreise.

Mit sechs Amtsjahren gehört Bettel zu den erfahreneren Staats- und Regierungschefs. Auch deshalb sind manche EU-Diplomaten nicht froh darüber, dass Bettel seinen Frust offen zeigte: "Unter seinen Fans wird Johnson die Episode nicht schaden. Dem Prozess, einen No-Deal zu vermeiden, hilft es nicht."

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