Wulff in der Türkei:Ein Besuch im Zeichen der Religion

Bundespräsident Christian Wulff heißt in seiner Rede vor dem türkischen Parlament Zuwanderer willkommen. Wer in Deutschland leben wolle, müsse sich jedoch an Regeln halten. Wulffs klare Worte sorgen in der Türkei nicht nur für Zustimmung - die dürfte in Teilen der Union dafür umso größer sein.

Michael König

Christian Wulff wusste nicht so recht, wo er hin sollte. Er hatte sich bedankt, kurz verbeugt und einige Schritte vom Rednerpult entfernt. Dort hielt er inne, bis ihm ein Helfer den Weg zum Ausgang wies, vorbei an türkischen Abgeordneten, die ihm kurz, aber kräftig die Hand schüttelten.

Germany's President Wulff adresses Turkish parliament in Ankara

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede vor dem türkischen Parlament: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei."

(Foto: REUTERS)

In seiner Rede, der ersten eines deutschen Staatsoberhauptes vor dem türkischen Parlament überhaupt, hatte Wulff weniger Orientierungsprobleme gehabt. Die Marschrichtung war klar zu erkennen: Zwar hielt der Bundespräsident an seiner Aussage fest, wonach der Islam zu Deutschland gehöre. Er ließ jedoch auch Aspekte anklingen, die dem eher rechtskonservativen Flügel seiner Partei gut gefallen haben dürften.

Einen Tag nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer den "Multikulti-Ansatz" für "tot" (Seehofer) beziehungsweise für "gescheitert" (Merkel) erklärt hatten, sagte Wulff in Ankara: "Multikulturelle Illusionen" hätten in der Vergangenheit häufig "Probleme bei der Integration verdeckt".

Er scheute auch nicht davor zurück, die Probleme türkischer Einwanderer in Deutschland direkt anzusprechen: "Dazu gehören das Verharren in Staatshilfe, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung", sagte Wulff. Wer in Deutschland leben wolle, müsse sich jedoch "an die geltenden Regeln halten und unsere Art zu leben akzeptieren".

Im Parlament waren kurz darauf vereinzelte Räusper-Laute zu hören. Mit dem "Machogehabe" seiner Landsleute konfrontiert zu werden, hatte wohl mancher Parlamentarier nicht unbedingt erwartet.

Wulff stand bei seinem Besuch von Beginn an unter besonderer Beobachtung - die sich noch steigerte, als ihn Abdullah Gül an der Seite seiner Frau Hayrünnisa Gül empfing. Die Gattin des türkischen Präsidenten, eine überzeugte Kopftuchträgerin, hatte bislang nicht an Staatsempfängen teilgenommen - mit Rücksicht auf die laizistische Grundhaltung des türkischen Staates.

Güls Debüt machte schnell deutlich, dass Wulffs Besuch ganz im Zeichen der Religion stehen sollte - Trennung von Staat und Kirche hin oder her. Auch in der Rede des Bundespräsidenten vor dem Parlament spielte die Freiheit des Glaubens eine wesentliche Rolle - und auch bei diesem Thema wählte der Präsident deutliche Worte.

In Deutschland könnten Muslime ihren Glauben in würdigem Rahmen praktizieren, betonte Wulff: "Davon zeugt die zunehmende Zahl der Moscheen in unserem Land." Im Gegenzug erwarte Deutschland, "dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen." Das Christentum gehöre zweifelsfrei zur Türkei.

Statt eines Räusperns war im Plenum nun Husten zu hören, und so beeilte sich der Bundespräsident, anzufügen: "Das ist nicht unumstritten, aber es ist notwendig. Das friedliche Miteinander der verschiedenen Religionen ist eine der großen Zukunftsaufgaben dieser Welt im 21. Jahrhundert."

In Berlin reagierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit Wohlwollen auf diesen Hinweis Wulffs: "Die nicht unumstrittenen Passagen zur Beheimatung des Islams in Deutschland haben ihm die Freiheit gegeben, auch heute den bemerkenswerten Satz 'Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei' zu sagen", lobte Prälat Bernhard Felmberg, der Bevollmächtigte des Rates der EKD, den Bundespräsidenten.

Nicht nur Christen in Deutschland waren zufrieden mit Wullf. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, bezeichnete die Worte Wulffs als "klug gewählt". Mazyek verglich die Integrationsdebatte in Deutschland mit der um religiöse Minderheiten in der Türkei: "Genau so, wie in der Türkei Christen von Ultra-Nationalisten als Gefahr für die Einheit des Landes betrachtet werden, sehen Rechte in Deutschland hinter jedem Muslim den Untergang des christlichen Abendlandes."

Lob erhielt Wulff auch von den Grünen: Der Bundespräsident habe eine "wichtige Rede" gehalten und "wichtige Feststellungen" für Türken wie Deutsche getroffen, sagte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin.

Zu diesen Feststellungen gehörte, was Wulff zu Beginn seiner Rede gesagt hatte: Zuwanderer seien "in unserem Land herzlich willkommen und sie gehören zu unserem Land". Er fügte jedoch hinzu: "Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in unsere deutsche Gesellschaft einfügt." Mit dieser Linie werden sich sowohl Angela Merkel als auch Horst Seehofer anfreunden können.

Auch im Hinblick auf einen möglichen EU-Beitritt der Türkei blieb Wulff auf Regierungslinie: Deutschland halte an der Entscheidung fest, "die Beitrittsverhandlungen in einer fairen und ergebnisoffenen Weise zu führen." Die Union will der Türkei nur eine privilegierte Partnerschaft anbieten, die Ankara strikt ablehnt.

Wulff lobte jedoch die Fortschritte, die die Türkei bei der Modernisierung ihrer Verfassung gemacht habe - sie nähere sich "europäischen Standards an". Als "Knoten", der auf dem Weg zu einem EU-Beitritt zerschlagen werden müsse, nannte der Präsident den griechisch-türkischen Streit um Zypern. In diese Frage müsse Bewegung kommen, mahnte Wulff.

Der Bundespräsident war am Montagabend zu seinem ersten Türkei-Besuch eingetroffen. Vor seiner Rede im Parlament hatte er sich mit seinem Amtskollegen Abdullah Gül unterhalten. Gül nahm sich anschließend ein Beispiel am Bundespräsidenten und sagte in Anlehnung an dessen Rede zum Tag der Deutschen Einheit, er sei auch der Präsident der Christen und Juden in der Türkei. Zugleich forderte er seine türkischen Landsleute in der Bundesrepublik erneut auf, die deutsche Sprache zu lernen.

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