Wortwörtlich - Koydls kleines Lexikon Wie Spitzel auf den Hund kommen

Wolfgang Koydl lüftet das Geheimnis um die Verwandtschaft von Spitzeln und Hunden und erklärt, was ein Adeliger mit den Dolomiten zu tun hat.

Von Wolfgang Koydl

Spitzel ist ein hässliches Wort. Verrat schwingt in ihm mit, Niedertracht und Schnüfflerei. Vor allem, wenn - wie es Familienministerin Ursula von der Leyen plante - Kinder zu Spitzeldiensten eingesetzt werden sollen.

Ursula von der Leyen: Ob die Familienministerin überhaupt weiß, welchen etymologischen Ursprung der Spitzel hat?

(Foto: Foto: ddp)

Das Wort ist negativ besetzt, und deshalb ist es kaum vorstellbar, dass der Spitzel sein Dasein als niedliche Diminutiv-Form eines putzigen Hündchens begann: des Spitzes.

Diese Rasse verdankt ihren Namen seiner spitzen Schnauze und den spitzen Ohren. Das Adjektiv ist mit dem altindischen sphya-h verwandt, das einen Holzspan beschrieb und im lateinischen Begriff für das Rückgrat auflebte: spina.

Ein entfernter Verwandter ist übrigens die Ähre = lateinisch: spica. Ihr verdanken wir unseren Speicher, der - auch wenn er noch so treudeutsch klingt - ein Lehnwort aus dem Lateinischen ist.

Doch zurück zum bellenden Spitz. Weil diese Rasse als besonders wachsam gilt, bezeichnete man im Wien des beginnenden 19. Jahrhunderts die allgegenwärtigen Geheimpolizisten des Fürsten Metternich als kleine Spitze - Spitzel. Und wenn man das mit österreichischem Akzent ausspricht, dann klingt dieser Spitzname gleich wieder sehr viel harmloser. (Ein Spitzname übrigens war alles andere als nett. Wortwörtlich war er ein verletzender, weil stechend spitzer Name.)

Noch kurz ein Wort zum Kind, das nach den Berliner Plänen unredliche Händler hätte enttarnen sollen. Es handelt sich um das Partizip Perfekt des germanischen Verbes gen = gebären. Kenda bedeutet mithin geboren, und das umschreibt ein Kind ja recht präzise.

Die Wurzel frei-lich ist viel älter als das Germanische: Im Altlateinischen hieß geboren gnatus, das Anfangs-g fiel später weg. Aus natus entstanden nicht nur die postnatale Depression, sondern auch die Natur und die Nation.

Die alte Form war noch lebendig in praegnatus, wörtlich "vor der Geburt". Ganz recht, das ist das englische pregnant = schwanger. Prägnant im Sinne von treffend und präzise nahm im Deutschen einen Umweg über die Bedeutung "gehaltvoll" und das ähnlich klingende, aber absolut unverwandte Verb prägen.

Prägnante Worte dürfte auch die Bundeskanzlerin gefunden haben, als sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Wiesbaden empfing. Der Name des eleganten Kurortes birgt kaum Geheimnisse. Die Thermalquellen in der Gegend waren schon den Römern bekannt, die hier kurz nach dem Jahre Null ein Militärfort errichteten und es Aquae Mattiacorum, die Wasser der Mattiaker, nach einem in der Gegend siedelnden Germanenstamm benannten.

Sechshundert Jahre später vertrieben die Franken die mittlerweile dort lebenden Alemannen, bauten einen Königshof, und genossen ebenfalls die warmen Quellen. Ihr Kurspass freilich dürfte eher naturverbunden gewesen sein: Denn ihr wisibada war das Bad in den Wiesen.

Warum die Rus Rus hießen

Ideologische Auseinandersetzungen wurden lange Zeit um die etymologische Herkunft von Putins Nation, der Russen geführt. Unbestritten ist, dass die warägischen Rus aus Skandinavien dem von ihnen besiedelten Landstrich ihren Namen gaben.

Aber warum hießen die Rus Rus? Russische und sowjetische Sprachwissenschaftler und Historiker, denen eine schwedische Abstammung nie geheuer war, machten zwei Flüsschen in der heutigen Ukraine als mögliche Namensgeber aus: den Ros und die Rusna.

Im slawischen Märchen gibt es zudem die Rusalka, die Wassernymphe, der Antonín Dvořák mit seiner gleichnamigen Oper ein Denkmal gesetzt hat. Andere Theorien stützten sich auf ein fragwürdiges protoslawisches Wort für Bär, das ähnlich geklungen haben soll, oder auf das Adjektiv rusiy = rötlich. Damit sollte auf die unter den Ur-Russen vorherrschende Haarfarbe abgehoben werden.

Tatsächlich aber beschrieb das Wort genau das, was die Rus taten, als sie in ihren Langbooten Russlands Ströme hinunter ruderten: rodr ist ein altnordisches Wort und heißt ganz einfach - rudern. Im Finnischen ist die Ähnlichkeit noch klarer zu erkennen. Ruotsi heißt dort Schweden, und dies ist das Land, aus dem die Rus herbeigerudert waren.

Nach ihrem Treffen mit Putin musste sich Angela Merkel wieder in die Niederungen der Innenpolitik begeben. Dabei begegnete ihr ein Gespenst, das man in Deutschland schon für gebannt gehalten hatte: Die Inflation, die aufgrund unaufhaltsam steigender Energie- und Lebensmittelpreise ebenfalls nach oben klettert.

Ein Kind des Kapitalismus

In ihrer wirtschaftlichen Bedeutung ist die Inflation ein Kind des amerikanischen Kapitalismus. In den USA wurde der Begriff erstmals 1838 auf eine angeschwollene Währung angewendet. Zuvor gebrauchten nur Mediziner das Wort, wenn sie das Aufschwellen von Organen oder Gewebe beschrieben.

Wörtlich bedeutet das lateinische inflare hineinblasen, so dass streng genommen auch ein aufgeblasener Luftballon inflationär sein kann. Das Gegenstück ist sufflare, wenn von unten gepustet wird. Dies ist der Fall beim Souffleur im Theater, der den Schauspielern aus seinem Kasten die Stichworte zuflüstert oder beim Soufflé, das von der von unten kommenden Hitze leicht und luftig hochgeblasen wird.

In die entgegengesetzte Richtung bewegte sich leider eine Gerölllawine in den Dolomiten. Man kann davon ausgehen, dass es sich bei dem ins Rutschen geratenen Gestein um Dolomit-Spat handelte, nachdem diese Alpenkette benannt ist. Doch damit ist der Fall nicht abgeschlossen.

Warum heißt der Stein Dolomit? Der Name geht auf einen französischen Adeligen zurück. Déodat Gratet de Dolomieu wurde 1750 als Sohn des Marquis de Dolomieu auf dem Schloss Dolomieu in Sichtweite der französischen Alpen geboren. Schon früh entwickelte er großes Interesse an Mineralogie und bei einer seiner Expeditionen in die südlichen Kalkalpen entdeckte er einen vielfarbigen und sonderbar leuchtenden Stein, aus dem das Gebirge gebildet war.

Zu seinen Ehren erhielt der Stein dann seinen Namen. Für den in nordamerikanischen Gewässern verbreiteten Schwarzbarsch kann der Marquis allerdings keinen Ruhm für sich verbuchen. Auch dieser Fisch trägt auf Lateinisch dessen adeligen Namen: Micropterus dolomieu.