Wolfgang Schäuble im Gespräch:"Respektieren, dass andere Christen anderer Auffassung sind"

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Wolfgang Schäuble; ddp

"Der Staat ist religiös neutral, aber er ist sich auch bewusst, dass Religion - nicht nur die christliche - einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität unserer auf Werte angewiesenen Freiheitsordnung leistet."

Im Bild: Schäuble im Bundestag.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Sind Ihnen die Kirchen zu politisch?

Schäuble: Es gab schon eine Zeit, da beschäftigte sich mancher Pfarrer vor allem mit der Tagespolitik und war vor allem gegen die CDU.

SZ: Das ist besser geworden?

Schäuble: Günther Beckstein ist mit großer Mehrheit zum Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden. Wenn Ihnen das einer vor 15 Jahren gesagt hätte: Der Beckstein von der CSU, der angeblich so unchristliche Hardliner, führt gemeinsam mit einer Grünen-Politikerin die EKD-Synode! Da hätten Sie gelacht. Ich halte das aber für einen Fortschritt. Man muss ja trotzdem nicht Günther Becksteins politische Auffassungen teilen.

SZ: Das tut ja auch die Mehrheit der Synode nicht.

Schäuble: Ich habe einmal einem Pfarrer gesagt: Im Pfarrgemeinderat haben Sie die Mehrheit, die sind sozialliberal. Aber ich biete Ihnen jede Wette an: Im Gottesdienst habe ich die Mehrheit. Also machen Sie in Ihren Predigten nicht zu viel Politik, sonst komme ich vor und widerspreche Ihnen.

SZ: Aber muss die Kirche nicht visionär sein und kritisch?

Schäuble: Ja, sicher. Wenn klar ist, dass, was die Kirche fordern und wünschen muss, nicht zu hundert Prozent in der Politik umgesetzt werden kann. Die Politik braucht die Kritik durch das Christentum. Aber die Kirche darf sich nicht zum Maßstab der politischen Auseinandersetzung machen.

SZ: Wenn man die Maßstäbe der Bergpredigt an den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr anlegt, muss da nicht die Kirche sagen: Wir können diesen Einsatz nicht mittragen - egal, ob das nun Tagespolitik ist oder nicht?

Schäuble: Es gibt ja in der Bibel genügend Beispiele dafür, dass die Politik den Frieden sichern soll. Diese Friedenssicherung schließt physische Gewalt nicht aus. Aber das kann man auch anders sehen. Ich hatte mit der Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann überhaupt keine Schwierigkeiten. Natürlich soll eine Bischöfin es sagen, wenn sie gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist. Sie muss dann nur respektieren, dass andere Christen anderer Auffassung sind. Ich wünsche mir von den Kirchenleitungen, dass sie zu ihrer Meinung stehen - in der Demut, sich nicht ganz sicher zu sein.

Im letzten Abschnitt verrrät Wolfgang Schäuble, welche Menschen ihm leid tun.

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