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Wolfgang Schäuble im Gespräch:"Meinen Glauben erschüttern die Vorfälle nicht."

SZ: Er vertraute Ihnen.

Wolfgang Schäuble; AP

Wolfgang Schäuble: "Konservativ ist nicht das Gegenteil von radikal."

(Foto: Foto: AP)

Schäuble: Ich habe drei Tage nach meinem 18.Geburtstag meinen Führerschein gemacht. Das war 1960, und meine Freunde sagten: Komm, wir gehen ins Nachbardorf feiern. Ich bin zu meinem Vater ins Büro, ganz vorsichtig, und habe ihn gefragt: Kann ich dein Auto haben? Mein Vater antwortete: Zeig mir deinen Führerschein. Dann sagte er: Trink keinen Alkohol und pass auf - und gab mir den Schlüssel. Das war ein Maß an Zutrauen, das er auch aus seinem Glauben heraus hatte.

SZ: Haben Sie zu Hause über Religion, über Gott, geredet?

Schäuble: Wir haben das mehr gelebt als zu viel geredet.

SZ: Beide Kirchen sind getroffen von Fällen, in denen Kirchenmitarbeiter Kinder sexuell missbraucht und brutal geschlagen haben. Erschüttert Sie das?

Schäuble: Solche Fälle sind schrecklich. Wobei ich mir, wenn es um Schläge geht, manchmal denke: Wir legen da die Maßstäbe von heute an etwas an, das vor 50 Jahren passiert ist. Das finde ich problematisch. Es war damals so falsch wie heute, Kinder zu schlagen. Ich bin meinen Eltern auch dankbar dafür, dass sie mich nie geprügelt haben. Aber man sollte auch nicht jede Ohrfeige mit sexuellem Missbrauch gleichsetzen.

SZ: Aber es gab Fälle von sexueller Gewalt in viel größerem Ausmaß, als wir uns das vorgestellt haben. Was macht das für Sie aus der Heimat Kirche?

Schäuble: Ich habe zum Glück keine schlechten Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Es muss also in meiner Jugend ein paar dieser seltenen Menschen gegeben haben, die mit Kindern umgehen konnten, ohne ihnen Gewalt anzutun.

SZ: Die Erschütterung, die auch viele Christen spüren, empfinden Sie nicht?

Schäuble: Meinen Glauben erschüttern die Vorfälle nicht. Wobei es da doch eine Rolle spielt, dass ich evangelisch bin und die evangelische Kirche nicht in dem Maße betroffen ist wie die katholische. Ich habe als evangelischer Christ hohen Respekt vor der katholischen Kirche, vor ihrer Spiritualität, vor ihrer Entscheidung, am Zölibat festzuhalten. Aber: Das ist nicht meine Welt. Mir liegt die Kultur des evangelischen Pfarrhauses näher. Aber auch dort ist geprügelt worden. Ich kann mir diese Gewalt nicht wirklich vorstellen. Ich weiß, dass es sie gab und gibt, in Kirchen, Schulen, Sportvereinen. Zum Glück habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. An mich hat sich nie einer rangemacht. So wie nie einer versucht hat, mich zu bestechen. Was vielleicht auch mit der Herkunft zu tun hat: Mein Vater war Steuerberater, der hat aber die Unterlagen seiner Mandanten behandelt wie der schärfste Betriebsprüfer. Eine gute Distanz.

SZ: Und ein typischer Fall von protestantischer Ethik?

Schäuble: Wobei mein Vater katholisch war. Er war ja von den Sakramenten ausgeschlossen, weil er es zugelassen hat, dass ich evangelisch getauft wurde.

Auf der nächsten Seite: Eine Antwort auf die Frage, ob Gott im Alltag eines Politikers eine Rolle spielt und ob Schäuble jemals mit Gott gehadert hat.

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