Wolfgang Ischinger über Hans-Dietrich Genscher:Der zerschnittene Borsolino

Lesezeit: 2 min

Bloß nicht wie eine Witzfigur wirken! Der frühere Spitzen-Diplomat und Genscher Vertraute Wolfgang Ischinger erinnert sich zum 85. Geburtstag seines früheren Chefs, wie vor dem Besuch eines jüdischen Friedhofs ohne Hut da stand und tobte - bis ein pfiffiger Ausweg gefunden wurde.

Wolfgang Ischinger ist ein ehemaliger deutscher Spitzendiplomat. Ab 1982 war er einer der engsten Mitarbeiter Genschers im Auswärtigen Amt, später fungierte er dort Staatssekretär, anschließend vertrat er Deutschland als Botschafter in Washington D.C. und London. Heute leitet Ischinger die Münchner Sicherheitskonferenz.

Hans-Dietrich Genscher (FDP)

Hans-Dietrich Genscher (FDP)

(Foto: dapd)

"Eine kleine, aber wahre Begebenheit aus dem Außenministerleben von Hans-Dietrich Genscher Mitte der Achtziger Jahre, Nachrüstungsdebatte, Spätstadium des kalten Kriegs, komplizierte Beziehungen zu den Warschauer-Pakt-Staaten: das war die Ausgangslage einer der zahlreichen damaligen Genscher-Reisen zu unseren östlichen Nachbarn. Sehr schwierige Gespräche mit damals noch sehr sowjethörigen kommunistischen Regierungen. Dann laut Protokollplanung am nächsten Morgen Besuch auf einem jüdischen Friedhof, dunkle Kopfbedeckung vorgeschrieben.

Genscher tobt: niemand habe ihm gesagt, er müsse einen Hut mitnehmen, ausserdem habe er gar keinen. Die jüdische Kippa, die alternativ ins Gespräch gebracht wird, treibt seinen Blutdruck noch höher: Da sehe er mit seinem grossen Kopf dann wirklich aus wie eine Witzfigur, völlig ausgeschlossen. Ein Hut müsse her - und zwar jetzt!

Wie es nur sein könne, dass er ständig von völlig unfähigen Mitarbeitern umgeben sei. Wozu er eigentlich überhaupt einen Protokollchef bzw. einen persönlichen Referenten habe? Eigentlich müsse man diese Leute alle feuern. Die Stimmung wird nicht besser, als ihm trotzig der Zettel gezeigt wird, den man ihm am Vortag in Bonn nach Hause mitgegeben hatte, auf dem expressis verbis stand, es sei ein Hut einzupacken... Die Uhr tickt.

Die Beichte besserte die Laune des Ministers schlagartig

Die Delegation ist ratlos: alle haben brav ihre Hüte mitgebracht, aber keiner einen mit der (hier geheim zu haltenden) extremen Kopfgrösse des Bundesaussenministers. Was tun? Abfahrt zum Friedhof in fünf Minuten! In existentieller Not wird in der Garderobe des Botschafters ein wunderbarer, offenbar nagelneuer Borsalino entdeckt - ein echtes Prachtstück von Hut, aus feinstem Tuch, sicher unglaublich teuer. Französische Handarbeit. Leider auch nur Grösse 57. Ohne langes Federlesen wird aus der Botschafterküche eine Schere geholt, der Borsalino von hinten so aufgeschnitten, dass die Grösse 57 den Genscher-Kopf bedeckt.

Anprobe. Passt. Na also, geht doch!

Drei Minuten später im Wagen, auf dem Weg zum Friedhof. Genscher: 'Das haben Sie gut gemacht. Aber sagen Sie mal - wie haben Sie denn das gute Stück so schnell herbeigeschafft?' Beichte: Hut gehört Botschafter, Hut mit Schere zerstört, Hut sicher teuer gewesen. Botschafter sicher stinksauer.

Genscher, nun richtig fröhlich: 'Wirklich gut gemacht, haben Sie das. Wirklich. Ich konnte den Kerl noch nie leiden'. Sprachs und war für den Rest des Tages allerbester Laune. Übrigens sah er mit dem Borsalino wirklich gut aus."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB