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Wölfe:Pfoten weg

In ganz Deutschland gibt es wieder Wölfe, das finden die einen toll, die anderen nicht. In Sachsen aber sind sie ein Politikum. Warum eigentlich? Die Geschichte vom Wolf und der Angst.

Manchmal, nach Einbruch der Dämmerung, geht Stephan Kaasche in den Wald und heult. Ein klagender Laut, tief aus der Kehle. So, als hätte er sich mit einem Hammer auf den Daumen geschlagen. Dann horcht er. Meist ist da nur das Rauschen der Bäume, das Knacken der Eicheln unter seinen Schuhen. Aber hin und wieder bekommt er Antwort.

Kaasche, 43, Einzelhandelskaufmann und geprüfter Landschafts- und Naturführer, weiß alles über den Wolf. Er weiß, dass der nicht den Mond anheult, sondern Artgenossen. Dass Rudel eigentlich Familien sind. Dass Lausitzer Wölfe hauptsächlich Rehe und Hirsche fressen, manchmal Wildschweine, selten Schafe. Er weiß, dass der Wolf Freunde und Feinde hat, und dass er das Land spaltet, wo er es durchstreift.

An einem grauen Dezemberwochenende warten 20 Menschen vor der Wolfsscheune auf dem Erlichthof in Rietschen, einem Freilichtmuseum im östlichsten Winkel Sachsens. Hier ist auch das Wolfskontaktbüro untergebracht, Anlaufstelle für Großstädter, die ihren Kindern die Natur näherbringen wollen. Und für Landwirte, die verdächtige Spuren um ihre Koppeln entdecken. Seit 15 Jahren leitet Stephan Kaasche Exkursionen ins Wolfsgebiet, ganze vier Mal hat sich dabei einer blicken lassen. Immer wieder erklärt er Touristen, Schülern, Tierfreunden, dass geduldig sein muss, wer den Wolf sehen will - und leise. Als sich die Gruppe in Bewegung setzt, ist das Rascheln der Windjacken lauter als der Wind.

Kaasche führt zum Schlagbaum des Truppenübungsplatzes Oberlausitz, 175 Quadratkilometer militärisches Sperrgebiet in der Muskauer Heide. Hier wollen Förster 1998 erstmals zwei Wölfe gesichtet haben. Zwei Jahre später brachten Filmaufnahmen den Beweis. Es war der Beginn der Wiederbesiedlung. Der Wolf fühlte sich ausgerechnet dort wohl, wo Menschen lernten, aufeinander Jagd zu machen.

In der DDR durfte der Wolf geschossen werden, lebende Exemplare ließen sich nur in Zoos beobachten. Im Tierpark seiner Heimatstadt Hoyerswerda besuchte Stephan Kaasche als Kind ein Rudel Timberwölfe, schwarzes Fell und gelbe Augen. Er lauschte ihrem Bellen, steckte einen Ast durch das Gitter des Geheges, trug das zerkaute Stöckchen nach Hause wie einen Zauberstab. Wenn alle etwas entspannter wären, sagt Stephan Kaasche, könnte der Wolf so etwas wie das Markenzeichen Sachsens werden. Ein stolzes Tier, das sein Territorium verteidigt.

Am Truppenübungsplatz sind die Wege feinsandig. Kaasche entdeckt eine Spur, kniet nieder, legt einen Zollstock an: 7,2 Zentimeter, vermutlich ein Fuchs. In der Gruppe macht sich leise Enttäuschung breit. Als Entschädigung reicht Kaasche eine Tupperdose mit vertrocknetem Wolfskot herum.

Manchmal sind Jäger unter den Teilnehmern seiner Exkursionen. Kaasche erkennt sie an den skeptischen Blicken, an den schneidenden Fragen. Ob er nicht auch bemerkt habe, dass es kaum noch Rotwild in den Wäldern gebe, dafür immer mehr zerfetzte Weidetiere. Ob er es normal finde, dass ein Raubtier beim Anblick eines Mannes mit Gewehr nicht mehr Reißaus nehme?

Kaasche ist froh über jeden, der nach Rietschen kommt und seinen Vorträgen folgt über Fotofallen und Herdenschutz. "Die Menschen glauben immer, der Wolf ist geschützt, der darf alles. Aber natürlich gibt es feste Regeln. Bei problematischen Tieren wird ein Abschuss geprüft." Kaasche hat den Jagdschein gemacht. Nicht um zu schießen, er will sachlich argumentieren können. Aber in einem Land, in dem jeder Grimms Märchen kennt, nützt das manchmal wenig.

In Uhsmannsdorf, 17 Autominuten von Rietschen entfernt, hat der Wolf zwei Geißlein geholt. Lolek und Bolek waren das pädagogische Konzept der Kita Gummistiefelchen. Sie lebten im Garten, mehr Buffet als Beute. Der Wolf holte erst Lolek, zwei Wochen später Bolek. Statt Füttern und Fürsorge lernten die Kinder also etwas über Fressen und Gefressenwerden.

Als Angela Merkel im August vergangenen Jahres zu Gast bei der CDU in Dresden war, soll es in den Hinterzimmern nicht nur um die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin und die Stimmung der Leute gegangen sein, sondern auch um Lolek und Bolek. Und vielleicht hat alles mit allem zu tun.

Stephan Kaasche redet nicht gern über Politik. Aber die Politik redet über den Wolf. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will die Bestände regulieren, den Abschuss der Wölfe von deren Zahl abhängig machen. Und auch das CDU-geführte Landwirtschaftsministerium in Sachsen hat vor Weihnachten den Entwurf einer neuen Wolfsverordnung vorgelegt. Künftig sollen die streng geschützten Tiere getötet werden dürfen, wenn sie auf einem Gebiet zweimal Zäune überwinden und Weidetiere reißen. Sollen vertrieben werden dürfen, zum Beispiel mit Gummigeschossen, wenn ein Wolf sich in Siedlungen aufhält oder sich Menschen auf unter 100 Meter nähert. Naturschützer und Grüne kritisierten das Papier. Der AfD geht es nicht weit genug.

In Märchen und in Fabeln steht der Wolf nie für das Tier allein, und vielleicht ist es im Wahljahr 2019 ganz ähnlich: Es geht darum, wer sich sicher fühlt, wer abgehängt.

(Foto: Sebastian Körner/Lupovision)

Die Wolfsbeauftragte der AfD in Sachsen heißt fabelhafterweise Silke Grimm. Wer sie in Zittau besucht, muss annehmen, dass sie gerade andere Sorgen hat, als beim Pilzesammeln dem Wolf zu begegnen. In der Glasfront ihres Bürgerbüros klafft ein handballgroßes Loch. An die Hauswand hat jemand gesprüht: "Fuck AfD". Grimm, 51, kurzes blondes Haar, fährt in dem Geländewagen ihres Mannes vor. Der ist Jäger, zu Weihnachten gab es Rehrücken, eigenhändig erlegt. Glaubt man Silke Grimm, ist der Festtagsbraten in Gefahr, und nicht nur der. Die Wölfe machten den Waidmännern längst die Beute streitig, sagt sie. Noch ehe die vom Hochsitz geklettert seien, habe das Rudel seine Fänge in das geschossene, noch warme Tier geschlagen.

Grimm schiebt ein Flugblatt ihrer Partei über den Tisch. Es könnte auch der Illustration eines Märchenbuchs dienen. Ein Wolf hetzt mit gefletschten Zähnen über eine Straße, auf der ein Teddybär liegt. Die Botschaft ist klar: Heute reißt er Zicklein, morgen eure Kinder.

Es liege ihr fern, Angst zu schüren, sagt Silke Grimm, aber man brauche endlich wolfsfreie Zonen. "Die natürliche Scheu muss wiederhergestellt werden." Grimm wiederholt diesen Satz sehr oft, obwohl ihr der Wolf noch nie begegnet ist. Sie versteht sich als Sprachrohr der Jäger, Nutztierhalter und besorgten Bürger.

Ende 2017 schrieben die einen Brandbrief an die Abgeordneten des sächsischen Landtages. In der "Bautzener Erklärung" bezeichneten sie das Wolfsmanagement und damit auch die Arbeit von Menschen wie Stephan Kaasche als gescheitert. Die Bevölkerung werde "grob fahrlässig im Unklaren gelassen" über Gefahren wie Tollwut, Räude, Afrikanische Schweinepest und die Verpaarung mit Haushunden.

Nutztiere hat der Wolf zuletzt vor allem in Ostsachsen gerissen, rund um Bautzen und Görlitz. In Görlitz liegt auch der Heimatwahlkreis von Ministerpräsident Michael Kretschmer. Bei der Bundestagswahl hat er ihn an einen Malermeister von der AfD verloren. Bei der Landtagswahl im September will er ihn zurückgewinnen. Silke Grimm ist sich sicher: auch mithilfe des Wolfes. "Die Landesregierung hat sich in dieser Region lange kaum blicken lassen, und jetzt fällt der CDU nichts Besseres ein, als unsere Forderungen zu kopieren."

Grimm ist im Dreiländereck aufgewachsen. Seit 1990 leitet sie ein Reisebüro, organisiert hauptsächlich Busreisen für Senioren. Ihre Kinder hat es in die Welt gezogen, nach Stuttgart und Barcelona. Daheim in Zittau wählt inzwischen jeder Dritte AfD. "Natürlich gibt es drängendere Probleme als den Wolf", sagt Grimm, "fehlende Fachkräfte und Grenzkriminalität." Aber das Problem mit dem Wolf lässt sich einfacher lösen.

In der Fabel steht der Wolf nie für das Tier allein, und vielleicht ist es im Wahljahr 2019 ganz ähnlich: Es geht darum, wer sich sicher fühlt und wer abgehängt, es geht um Gutmenschen und Wutbürger. Um die Kluft zwischen Stadt und Land.

Veronika Schuba sitzt im Schlachtraum und zieht an einer Mentholzigarette. Eine Frau mit weißem Haar und schmalem Lächeln. Die Fingernägel sind kurz geschnitten, auf ihrem Stirnband steht "Snowflake". Es ist ein kalter Januarmorgen in Neudorf-Klösterlich, dem kleinsten Ortsteil der Stadt Wittichenau. Man kann den Eindruck bekommen, hier lebten mehr Tiere als Menschen.

"Wenn der Wolf da war, rauche ich mehr", sagt Schuba und zertritt die Kippe mit ihren schweren Arbeitsstiefeln. Der Wolf war oft da in letzter Zeit. Veronika Schuba, 63, bewirtschaftet ein ehemaliges LPG-Gehöft, Kuhstall, Schafstall, Wohnhaus. Sie hält Hühner, Mutterkühe, Merinofleischschafe mit Einkreuzung Schwarzkopf. Deren feine Wolle bringt mehr Geld, einen Euro pro Kilo.

Schuba ist wenige Kilometer entfernt aufgewachsen, in Spohla, einem sorbischen Dorf, das den Braunkohlebaggern nach der Wende nur knapp entging. Als Zehnjährige schaute sie bei einer Ferkelgeburt zu. Als Komplikationen auftraten, schickte die Mutter das Mädchen fort, um Kaffee zu kochen. Sechs Ferkel lebten, die Sau starb. Das Kind schwor sich, alles über Tiere zu lernen, um helfen zu können.

Heute ist Schuba ausgebildete Zootechnikerin und studierte Veterinäringenieurin. "Klingt besser als Melken und Traktorfahren", sagt sie und bittet in die Küche im Obergeschoss. Im Ofen knistern Holzscheite, im Nebenzimmer schaut ihr Mann fern. Veronika Schuba achtet darauf, dass er sich kämmt und rasiert. Nach einem Schlaganfall geht er auf Krücken, vergisst Dinge. Sie muss sich allein um die Tiere kümmern.

Schubas Schafe weiden in einer Flussniederung, halten die Grasnarbe kurz und trampeln den Deich fest. Acht Monate sind sie draußen am Ufer der Wudra, vier Monate auf der Rinderweide oder im Stall. Im vergangenen Jahr hat Veronika Schuba kein einziges Lamm verkauft. Der Wolf war immer schneller.

"Es ist immer noch so schlimm wie beim ersten Mal", sagt sie. Das erste Mal war 2011. Der Ordnungsamtschef rief an: Frau Schuba, Ihre Schafe laufen auf der Straße umher. Ein Tier war tot, die Presse schon da. Sie kann sich nicht erinnern, ob es schon damals ein Kehlbiss war, aber die Experten hatten bald das Rosenthaler Rudel im Verdacht, oder das aus Knappenrode. 18 Wolfsfamilien und vier Paare sind derzeit in Sachsen nachgewiesen.

"Oft sind die am lautesten, die noch nie einen Wolf gesehen haben", sagt Veronika Schuba. Der Wolf hat schon Schafe von ihr gerissen, aber er hat auch eine Daseinsberechtigung, findet sie.

(Foto: Nimz)

Veronika Schuba klettert auf ihren roten Hoflader. Der spießt Heuballen auf wie Marshmallows. Mit 15 Kilometern in der Stunde zuckelt sie über den Acker. Das Fleckvieh läuft ihr muhend entgegen, unter den Hufen knirschen vereiste Pfützen.

Die meisten von Schubas Tieren haben keinen Namen. Nur die, die den Wolf überlebt haben. Da ist "Einohr", das Schaf, das in den Kopf gebissen wurde. Oder "König", Handaufzucht, auf einem Auge blind. Und da ist "Uhrkasten". Das Lamm hatte sich im Juli während eines Angriffs versteckt, im Schilfgürtel, stundenlang. Als Veronika Schuba es schließlich fand, musste sie an das Märchen "Der Wolf und die sieben jungen Geißlein" denken. Dann sah sie die aufgerissene Flanke und die Maden darin, und dachte erst mal gar nichts mehr.

Schuba steigt in ihren Dacia Duster, die Heizung bläst auf Stufe 4. Im Schritttempo fährt sie durch das Dubringer Moor, in dem der Sturm Bäume entwurzelt hat und vor Jahren ein Rentner beim Pilzesammeln verschwunden sein soll. Sie habe das damals in der Zeitung gelesen, heute fehlt ihr dafür die Zeit. Auch das Internet meidet Veronika Schuba, sie spricht lieber mit den Menschen auf der Straße. "Die Stimmung in der Gegend ist nicht gut", sagt sie. "Man lässt uns allein." Viele hier schimpfen nicht nur über den Wolf, sondern auch über Angela Merkel und die Flüchtlinge, manchmal in einem Satz. "Eigentlich ist es überall das Gleiche", sagt Schuba. "Oft sind die am lautesten, die noch nie einen Wolf gesehen haben."

Drüben in Neschwitz entzünden sie Mahnfeuer gegen den Wolf. Und manchmal greift jemand zur Selbstjustiz. Im vergangenen Sommer trieb ein Kadaver im Tagebausee bei Mortka, nur zehn Kilometer entfernt. Das weibliche Jungtier war aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte getötet worden, hatte einen Strick um den Leib, daran ein Betonklotz, wie im Mafia-Film. Veronika Schuba findet falsch, was da passiert. Wie jedes Tier habe auch der Wolf ein Recht zu leben. Aber ohne Auto in den Wald gehen, um Pilze zu sammeln? Das würde sie nicht mehr.

Über der Wudra kreisen Silberreiher, ein Jogger spurtet über den Deich. Es sieht aus wie an der Nordsee. Nur dass am Horizont eine Möbelfabrik steht, bunte Einfamilienhäuser und die Plattenbauten von Hoyerswerda. Das hier ist keine Tagebauwüste, kein Truppenübungsplatz, trotzdem fühlt der Wolf sich heimisch.

Veronika Schuba treibt die Stäbe des Schafnetzes in den Boden, fädelt mit kältesteifen Fingern das Flatterband hindurch. Es soll den Zaun optisch erhöhen, den Wolf irritieren und davon abhalten darüberzuspringen. Dann schaltet sie den Strom an. Schuba koppelt ihre Schafe täglich. Eine Stunde länger braucht sie, seit Wolfsschutzmaßnahmen nötig sind. In der Vergangenheit haben die Schafe den Zaun immer wieder eingerissen, in Panik, weil der Wolf unter ihnen war.

132 Angriffe auf Nutztiere verzeichnet das Wolfsmanagement in Sachsen für das Jahr 2018. In 83 Fällen konnten Wölfe als Verursacher festgestellt oder nicht ausgeschlossen werden. 232 Tiere wurden getötet. Landwirte, die ihre Herden ordnungsgemäß schützen, werden finanziell entschädigt. "Geld ist nicht alles", sagt Veronika Schuba.

Einmal flüchteten ihre Schafe bis nach Spohla, sprangen in den Fluss, blieben im Morast stecken oder ertranken, weil die Wolle sich vollsaugte wie ein Schwamm. Sie fand einen Schädel im Getreidefeld, dort, wo die Krähen kreisten. Als eine Nachbarin Tage später ihre weißen Hunde am Fluss spazieren führte, lief ein Lamm am Zaun auf und ab. "Weil es dachte, da kommt die Mutter zurück." Die Bindung zwischen den Tieren sei unglaublich eng, sagt Schuba. Sie hat Muttertiere beobachtet, die ihre Lämmer gegen Hummeln verteidigen. "Bei Wölfen ist das sicher nicht anders."

Kaum zu glauben, dass der Landschaftsführer Kaasche und die Landwirtin Schuba sich noch nie getroffen haben. Sie wohnen zwanzig Kilometer voneinander entfernt. Sie hätten sich so viel zu erzählen.

Es ist Abend geworden in Neudorf-Klösterlich. Veronika Schuba holt fünf Eier aus dem Hühnerstall. Dann geht sie rüber in den Schafstall. Er ist jetzt eine Art Lazarett, in dem die Überlebenden fernab der Herde genesen sollen. "Uhrkasten" ist noch immer scheu, schnuppert vorsichtig am Futterbeutel. "Ist gut", sagt Veronika Schuba und vergräbt die Hand im Fell. In dieser Nacht lässt sie das Licht an.