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WM:Der Fußball ist mit dem Nationalismus überfordert

Fußball soll Frieden stiften, zwischen den Völkern und innerhalb der Völker, das ist der Anspruch von Weltmeisterschaften. Er klingt auch diesmal wieder wie blanker Hohn.

Kommentar von Josef Kelnberger

Eine Fußball-Weltmeisterschaft bietet Anlass zu allerlei kulturpessimistischen Betrachtungen, zum Beispiel über die Frage: Erheben die Geißeln Nationalismus und Rassismus, die rund um den Globus immer mehr Schrecken verbreiten, nun auch im Sport ihr hässliches Haupt?

Anlass bietet die Geschichte von Jimmy Durmaz, einem türkeistämmigen Schweden. Er verursachte mit einem Foul den siegbringenden Freistoß für Deutschland, weshalb er in den sozialen Netzwerken rassistisch beleidigt wurde. Sogar Morddrohungen gab es. Durmaz, kein echter Schwede? Die ganze Mannschaft versammelte sich tags darauf um den Kollegen und rief: "Fuck Racism!" Das ist das Schöne am Sport: Er kann in seinen guten Momenten auf komplizierte Fragen einfache Antworten geben.

Fußball stiftet Frieden, zwischen den Völkern und innerhalb der Völker, das ist der Anspruch von Fußball-Weltmeisterschaften. Er klingt immer wieder wie blanker Hohn. 1969 entbrannte nach einem Qualifikationsspiel ein veritabler Krieg zwischen Honduras und El Salvador. Nicht oft genug kann man an das Jahr 1978 erinnern, als die Fußball-WM der argentinischen Militärjunta Legitimation verschaffte für ihr mörderisches Treiben gegen das eigene Volk. Nach der WM 1994 wurde der kolumbianische Verteidiger Andrés Escobar nach einem Eigentor erschossen, vermutlich von der heimischen Drogen-Mafia. So schlimm wird es bei der WM in Russland hoffentlich nicht kommen. Aber zweifellos haben Fragen von nationaler Identität neue Brisanz gewonnen.

Der Fußball kann das Beste, aber auch das Schlimmste im Menschen zutage fördern

Eine Nationalmannschaft heißt Nationalmannschaft, weil sie in ihrer Zusammensetzung eben im weitesten Sinn eine Nation abbildet. Die Menschen erwarten ein Mindestmaß an Identifikation. Es gibt nun auch in Deutschland wieder mehr Menschen, die am liebsten blonde und blauäugige junge Männer im Nationaltrikot sähen.

In erfrischendem Gegensatz dazu stand die Weltmeistermannschaft von 2014 mit Spielern, die Müller oder Schweinsteiger hießen, aber auch Boateng oder Khedira. Der entspannte Patriotismus, den diese Mannschaft verkörperte, ist jedoch ein flüchtiges Konstrukt. Die Spieler Özil und Gündoğan haben einen rechten Shitstorm auf sich gezogen, weil sie sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan fotografieren ließen. Und in ihre eigene Mannschaft haben sie, wie man nun weiß, Unfrieden getragen.

Nur Teams, die geschlossen für ein Wertesystem stehen, können Antworten nach Art der Schweden geben: Zum Teufel mit dem Rassismus! Das ist den Deutschen nicht gelungen und auch nicht den Schweizern. Spieler mit kosovo-albanischen Wurzeln provozierten serbische Fans mit der Doppeladler-Geste, Symbol für die albanische Unabhängigkeit. Das empörte auch viele Schweizer, die sich fragen: Welchem Land fühlen die sich eigentlich verbunden? Der serbische Trainer setzte gar eine Fehlentscheidung des deutschen Schiedsrichters mit Menschenrechtsverletzungen gleich und forderte, man solle ihm in Den Haag den Prozess machen. Ein schrilles Echo der Balkankriege, so viele Jahre danach.

Der Fußball, so lernt man daraus, kann das Beste, aber auch das Schlimmste im Menschen zutage fördern. Geldstrafen, wie sie der Weltverband nun gegen Schweizer und Serben verhängt hat, werden kaum helfen, nationalistische Aufwallungen einzudämmen. Das können nur vernünftige Politiker. Aber in dem Punkt gibt es wirklichen Grund zum Pessimismus.

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© SZ vom 26.06.2018/cat

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