Süddeutsche Zeitung

Russland:Putins Faustpfand

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Erstmals seit dem Angriff auf die Ukraine redet der Kremlchef mit einem westlichen Journalisten. Eine Botschaft betrifft die Bundesregierung - es geht um den "Tiergartenmörder".

Von Daniel Brössler, Berlin

Es war sein erstes Interview mit einem Journalisten aus dem Westen, seit er den Befehl zum Überfall auf die Ukraine gegeben hat. Wladimir Putin nahm sich Zeit dafür. 127 Minuten lang sprach der Kremlchef mit dem rechtslastigen US-Moderator Tucker Carlson, holte aus zu langen historischen Exkursen, gab erneut den USA die Schuld am Ende von Waffenstillstandsverhandlungen mit der Ukraine und behauptete, er hege keinerlei Absicht zum Angriff auf ein Nato-Land wie Polen oder Lettland. Wenn der Westen aufhöre, Waffen an die Ukraine zu liefern, sei der Krieg "in ein paar Wochen vorbei". Das war alles nicht neu.

Interessant wurde es allerdings, als Carlson nach dem in Russland inhaftierten US-Journalisten Evan Gershkovich fragte. Ob Putin denn als ein "Zeichen Ihrer Anständigkeit" bereit sei, Gershkovich in seine Heimat zurückkehren zu lassen? Bevor er antwortete, seufzte Putin erst einmal. "Wir haben so viele Gesten des guten Willens gezeigt, dass keine mehr übrig sind", behauptete er schließlich.

Häftlinge in Deutschland, Russland und den USA - der Deal wäre kompliziert

Dann machte Putin klar, dass er eher an ein Geschäft als eine Geste denkt. Eine Einigung sei bei "wechselseitigen Schritten unserer Partner" möglich, womit Putin natürlich einen Gefangenenaustausch meint. Schon die in Russland wegen eines kleinen Drogendelikts verurteilte US-Basketballerin Brittney Griner war im Dezember 2022 gegen den in den USA inhaftierten russischen Waffenhändler Wiktor But ausgetauscht worden. Zuvor war darüber spekuliert worden, dass ein weiterer Russe Teil des Deals werden könnte - der in Deutschland wegen Mordes verurteilte und inhaftierte Wadim Krassikow. Putin sprach den Namen im Interview nicht aus, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er einen Austausch des Reporters des Wall Street Journal gegen Krassikow im Sinn hat. Solche Gespräche hätten in der Vergangenheit funktioniert und könnten auch diesmal "von Erfolg gekrönt werden".

Das ist die Frage. Schließlich steht es gar nicht in der Macht der US-Regierung, den in Deutschland einsitzenden und als "Tiergartenmörder" bekannt gewordenen Krassikow an Russland zu überstellen. Krassikow war Anfang Dezember vom 2. Strafsenat des Berliner Kammergerichts wegen Mordes verurteilt worden und sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Russe 2019 im Kleinen Tiergarten in Berlin den 40-jährigen Georgier Selimchan Changoschwili durch drei Schüsse getötet und dabei im Auftrag des russischen Staates gehandelt hat. Der Mord war offensichtlich ein Racheakt des russischen Geheimdienstes, weil Changoschwili in Tschetschenien gegen die russischen Truppen gekämpft hatte. Offiziell bestreitet Russland das alles und beharrt auch darauf, dass die Tarnidentität des Mannes, der sich als Wadim Sokolow ausgibt, die richtige sei.

Ein Erfolg dieser Methode könnte zu neuen ähnlichen Fällen führen

Der Journalist Gershkovich wiederum war im März 2023 in Jekaterinburg unter Spionageverdacht festgenommen worden - ein Vorwurf, den er und die US-Regierung entschieden bestreiten. Dass Putin Gespräche über einen Austausch bestätigt, gibt dem Wall Street Journal nun zumindest Hoffnung. "Es macht uns Mut, den russischen Wunsch nach einem Deal zu sehen, der Evan nach Hause bringt", teilte die Zeitung mit. Man hoffe, dass dies zu einer schnellen Freilassung und zu einer Rückkehr "zu seiner Familie und in unsere Redaktion" führen werde. In der Tat sagte Putin, es ergebe keinen Sinn, Gershkovich weiter in einem russischen Gefängnis festzuhalten. "Ich möchte ihn auch in seine Heimat zurückkehren sehen. Ich bin absolut aufrichtig", sagte Putin. Aber je öffentlicher über die Angelegenheit gesprochen werde, desto schwieriger werde eine Lösung.

Im Grunde bestätigt Putin, dass der amerikanische Journalist für ihn nichts als ein Faustpfand ist, um einen russischen Auftragsmörder freizupressen. Eine Bestätigung der Bundesregierung für Gespräche mit den USA und Russland gibt es naturgemäß nicht - was allerdings nicht bedeutet, dass solche Gespräche nicht stattfinden. Ausgeschlossen ist auch nicht, dass sich die Bundesregierung aus übergeordneten Interessen zum Austausch bereit erklären könnte. Dem dürften allerdings komplizierte Verhandlungen und Abwägungen vorausgehen. Zumal ein Erfolg von Putins Methode immer wieder zu neuen ähnlichen Fällen führen könnte, in denen Russlands Willkürjustiz gegen westliche Staatsbürger eingesetzt wird.

Rechtlich wäre ein Deal wohl möglich. Nach Paragraf 456a der Strafprozessordnung sei es theoretisch machbar, dass von einer Vollstreckung des Vollzugs "bei Auslieferung, Überstellung oder Ausweisung in das Ausland abgesehen werden kann", sagte der Professor für Strafrecht mit Internationalem Strafrecht der Universität Hamburg, Kai Cornelius, der Nachrichtenagentur Reuters.

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