Süddeutsche Zeitung

Wittenberger Stadtkirche:"Künftig ein Ort der Versöhnung"

Stadtpfarrer Johannes Block war schockiert, als er zum ersten Mal die historische "Judensau" an der Fassade sah. Nun erklärt er, warum seine Gemeinde das Sandsteinrelief erhalten möchte.

Ein Sandsteinrelief an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien beschäftigt seit Monaten die Justiz. Die Darstellung aus dem 13. Jahrhundert zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein in den Anus schaut, während als Juden gekennzeichnete Männer an dessen Zitzen saugen. Ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin will die Entfernung der "Judensau" gerichtlich durchsetzen, das Oberlandesgericht Naumburg wird die Berufung gegen ein früheres Urteil am Dienstag wohl ablehnen. Johannes Block, Pfarrer in Wittenberg, verteidigt die Entscheidung der Gemeinde, das Relief unangetastet zu lassen.

SZ: Herr Block, wie haben Sie reagiert, als Sie die Schmähplastik erstmals sahen?

Johannes Block: Ich war erschrocken und empört. Das Judentum so anzugreifen, ist eklig und geschmacklos.

Sie können die Gefühle des Klägers, der das Relief für eine Beleidigung gegen das Judentum hält, nachvollziehen?

Ich verstehe jeden, der sich durch den Anblick verletzt fühlt. Aber die Gerichte haben festgestellt, dass es sich nicht um eine Beleidigung im juristischen Sinne handelt, schon gar nicht von Seiten der Stadtkirchengemeinde. Wir versuchen, mit diesem schwierigen Erbe verantwortlich umzugehen. Das Relief ist ein Geschichtszeugnis und erinnert an den Antijudaismus im Mittelalter. Daran, dass Luthers Theologie antijüdische Züge trug. Die Gemeinde hat sich entschieden, zu dieser Vergangenheit zu stehen. Wir belassen die Plastik an ihrem Platz. Durch die Konfrontation damit soll ein Bewusstsein entstehen, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf. Ein Bewusstsein, das angesichts des zunehmenden Antisemitismus umso wichtiger ist.

Ihre Gegner finden, die Schmähplastik sei Teil des Problems.

Ich glaube nicht, dass der Antisemitismus schlagartig zurückgeht, weil die Gemeinde die Schmähplastik abnimmt. Als Teil einer Mahnstätte erinnert sie auch an die widerliche Wirkungsgeschichte des 20. Jahrhunderts, als in Europa Juden ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Wir halten an dem Ort regelmäßig Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Holocausts ab.

Unterhalb des Reliefs befindet sich eine Gedenktafel: eine Platte aus Bronze, zerborsten, dazu der Satz: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen." Sie müssen zugeben, dass das als Kommentierung recht kompliziert ist.

Die Gedenktafel ließ die Gemeinde 1988 anbringen, außerdem steht an dem Ort eine Zeder als Zeichen des Friedens. Zu DDR-Zeiten einen solchen Ort der Mahnung zu etablieren, finde ich rühmenswert. Aber dem Besucher wird tatsächlich sehr viel abverlangt. Deswegen setze ich mich für eine Weiterentwicklung der Mahnstätte ein.

Was schwebt Ihnen vor?

Meine Idee wäre ein Lichtband, das Mahnplatte, Zeder und Schmähplastik verbindet. Außerdem schwebt mir eine Art Prisma vor, durch das die Besucher das Relief in einer gebrochenen Perspektive wahrnehmen können, sodass dessen Bildprogramm als überwunden vor Augen steht. Ich bin deswegen auch im Gespräch mit dem Zentralrat der Juden.

Sie haben dem Kläger angeboten, an dem Konzept mitzuarbeiten.

Er lehnt das ab. Die ganze Situation hat eine gewisse Tragik: Da provoziert eine Klage die Kontroverse zweier Seiten, die ein gemeinsames Ziel verfolgen - den Kampf gegen den Antisemitismus.

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SZ vom 03.02.2020
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