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FDP:Wissing könnte zum Architekten eines Ampel-Bündnisses werden

FDP

FDP-Chef Lindner (rechts) hat Linda Teuteberg abgesägt. Neuer Generalsekretär soll sein Freund Wissing werden.

(Foto: dpa)

Der designierte FDP-Generalsekretär galt schon vor Jahren als Kandidat für einen Spitzenposten in Berlin. Dann brach Parteichef Lindner die Jamaika-Verhandlungen ab. 2021 stehen für Wissing gleich zwei wichtige Wahlen an.

Von Matthias Drobinski, Frankfurt

Kann er das - Bilokation? An zwei Orten zugleich auftauchen? "Irgendwie schon", sagt Volker Wissing ernsthaft. Zumindest das Dauerpendeln nach Berlin funktioniere seit Jahren, erst als FDP-Bundestagsabgeordneter mit Wurzeln in Barbelroth an der südlichen Weinstraße, demnächst halt als Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz, der zudem Generalsekretär der FDP ist. Er habe eine Wohnung in Berlin, reise immer mit kleinem Gepäck, wenn es zum Flieger gehe, der Rest seien Organisation und Selbstdisziplin. "Und es ist doch gut, wenn man in Berlin weiß, wie anderswo das Leben ist," sagt Wissing.

Dabei hat sich der 50-Jährige schon ein ordentliches Pfund aufgeladen. Vorige Woche erst ist er durch Rheinland-Pfalz gefahren, hat ein Lifestyle-Resort besucht, eine Hofmolkerei, ein Unternehmen, das Laborgeräte produziert. Wohin man so fährt als Wirtschaftsminister, um Zuversicht zu verbreiten: Die Pandemie ist nicht das Ende, und der Minister ist euch nah. Im März ist Landtagswahl; es geht um viel für die FDP, die in einer Ampelkoalition mit SPD und Grünen regiert. Am Montag in Berlin war er dann als designierter FDP-Generalsekretär Teil des dortigen Politbetriebs - da steht im Oktober 2021 die Bundestagswahl an, auch sie eine sogenannte Schicksalswahl für die FDP, die in den Umfragen nah an die Fünf-Prozent-Marke gerutscht ist. Ziemlich viel Schicksal auf einmal. Was es bedeutet, aus dem Bundestag zu fliegen, hat der Abgeordnete Wissing 2013 erfahren.

Dass er zurück ist auf der Berliner Bühne, ist keine große Überraschung. Aber die Voraussetzungen könnten schöner sein. Dass Parteichef Christian Lindner die Vorgängerin Linda Teuteberg abgesägt hat, sehen Kommentatoren als unschönen Akt einer Männer-FDP - und "Lindners letzte Patrone", so das Magazin Cicero, möchte man auch nicht gerne genannt werden. Bundesweit ist Wissing zuletzt aufgefallen, als er im Februar den mit Hilfe der AfD gewählten Thüringer FDP-Kurzzeitministerpräsidenten Thomas Kemmerich "honorig" nannte.

Das Menschenmögliche zu versuchen, statt die Menschen ändern zu wollen

Doch man sollte Wissing nicht unterschätzen, bloß weil er manchmal spröde wirkt. In Rheinland-Pfalz gibt es viel Lob für ihn: ein Intellektueller mit weitem Horizont, eine Stütze der Ampelkoalition. Die Wirtschaftspolitik, die er betreibt, ist klassisch liberal, aber ausreichend sozial angewärmt und grün schimmernd - Energiewende ja, aber so, dass es Wirtschaft und Arbeitnehmern nützt. Vor drei Jahren schon, im Oktober 2017, galt er als Mann für den Posten des Bundeswirtschaftsministers. Doch dann brach sein Freund und Förderer Christian Lindner die Koalitionsverhandlungen mit SPD, Union und Grünen ab. Jetzt, im zweiten Anlauf, könnte er zum Architekten eines Ampel-Bündnisses auf Bundesebene werden.

Hat er gehadert, vor drei Jahren, so nah vorm großen Ziel? "Ich bin in solchen Situationen tiefenentspannt", sagt er, "es ist falsch, sich Ziele zu setzen und die mit aller Macht erreichen zu wollen - das macht unfrei." Wissing stammt aus einer calvinistisch-protestantischen Familie, das habe ihn geprägt, sagt er, was das Arbeitsethos angehe und die Genauigkeit bis hin zur Pedanterie, aber auch das Vertrauen, dass sich schon ein Weg finden werde, wenn man etwas beginne, dass nicht alles perfekt geplant und abgesichert sein müsse. "Das ist für mich liberal", sagt er, "sich unverdrossen selber auf den Weg machen", in kleinen, konkreten Schritten zu denken statt in großen, sich nie erfüllenden Visionen, das Menschenmögliche zu versuchen, statt die Menschen ändern zu wollen.

Fast wäre er nicht Politiker geworden, sondern Organist, die entsprechende Prüfung machte er parallel zum Abitur. Sein Lieblingskomponist? "Bach, was sonst", sagt er. Mathematische Präzision und große Kunst, "aber meine Ansprüche waren immer größer als die des Publikums". Wie nun das Verhältnis der Ansprüche sein wird? "Das lasse ich mal auf mich zukommen."

© SZ vom 19.08.2020/saul
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