Wissenschaft Jenseits der Grenze

Die Bilder vom Schwarzen Loch sind faszinierend. Sie zeigen, dass Menschen etwas sichtbar machen können, das ihre Welt überschreitet. Was bedeutet das?

Von Marlene Weiss

Wer sich länger mit Wissenschaft beschäftigt, bei dem setzt meist eine gewisse Abgeklärtheit ein. Bei jeder Nachricht denkt man reflexhaft: nicht wirklich neu, nicht überraschend, alles schon gesehen. Das geht auch vielen Forschern so. Es liegt in der Natur der Sache; Wissenschaft bewegt sich in Tippelschritten vorwärts, große Sprünge sind selten. Den meisten Erkenntnissen gehen viele ähnliche voraus, und man kann nun mal nicht jeden Tag das Penicillin entdecken.

Aber manchmal gibt es doch ein Ergebnis, das diese Nüchternheit erschüttert, weil die einzig vernünftige Reaktion fassungsloses Staunen ist. Man starrt beglückt darauf und denkt nur: toll! Das erste Bild eines Schwarzen Lochs, das vergangene Woche um die Welt ging und unzählige Menschen fasziniert hat, war so ein Fall. Es gab zuvor nichts Vergleichbares, nie hatte jemand so etwas gesehen. Und wenigstens für diesen Moment trat in den Hintergrund, was schiefläuft auf dem Planeten: der katastrophale Brexit, die an einem twitternden Präsidenten zerbrechenden USA, der mörderische Wahnsinn in Syrien und Libyen, das drängende Klimaproblem. Stattdessen schaute die Welt auf einen verschwommenen schwarz-roten Fleck.

Ein Fleck immerhin, hinter dem sich ein Stück Ewigkeit verbirgt, ein Abgrund der Gravitation. 6,5 Milliarden Sonnenmassen konzentriert auf einen Punkt, an dem Raum und Zeit ihre Bedeutung verlieren. Jeder, der möchte, kann nach Belieben hineinschauen und wird dann - wenn er ehrlich mit sich ist - vermutlich feststellen, dass dieser Schlund ihn mental überfordert. Wer hätte gedacht, dass sich jemals ein solches Fenster öffnen würde?

Natürlich ist das Grundlagenforschung. Vielleicht wird sie niemals irgendeine praktische Anwendung haben. Trotzdem gibt es jeden Grund, dieses Bild zu feiern. Es zeigt, dass Menschen etwas sichtbar machen können, das die Grenzen ihrer Welt weit überschreitet, etwas, das in jeder Hinsicht größer ist als sie. Zugleich illustriert es in seltener Klarheit die vergleichsweise geringe Bedeutung des Wesens Mensch auf dem winzigen Planeten Erde, der um eine läppische Sonne am Rande der mickrigen Milchstraße kreist. Einer Galaxie, die ihrerseits winzig und verloren erscheint in den Tiefen des Alls.

Allein dafür hat sich die Arbeit schon gelohnt. Freilich könnte man es auch sein lassen und die Grundlagenforschung abschaffen oder auf das unmittelbar Nützliche beschränken, etwa auf dem Gebiet der Medizin. Aber selbst wenn man immer so genau wüsste, was sich letztendlich als nützlich erweist: Eine Gesellschaft, die sich für nichts interessiert, was über ihren Alltagskomfort hinausgeht, ist eine grauenvolle Vorstellung. Es wäre ein Leben im ewigen Mittelalter. Das Staunen über den Kosmos und die Frage nach ihrem Platz darin eint und prägt die Menschen seit Jahrtausenden. Offenbar ist das noch immer so, sonst könnte ein unscharfer Fleck nicht ein so globales Interesse auslösen.

Es ist also naheliegend, dass das Schwarze Loch jetzt gleich mit den ganz großen Fragen in Verbindung gebracht wird: Wenn der Mensch aus etwas hervorgegangen ist, das er nicht selbst geschaffen hat, aber trotzdem (teilweise) erkennen kann - wer hat dann den Menschen erschaffen und zu eben dieser Erkenntnis befähigt? Schon Aristoteles hat die Frage nach dem "Unbewegten Beweger" gestellt, die philosophische Urfrage des Menschen. Und Aristoteles hat sie so beantwortet, dass nur Gott der Unbewegte Beweger sein könne. Kein Wunder, dass auch manche nun in dem Schwarzen Loch einen Beweis für Gott sehen - andere hingegen einen Beweis genau gegen dessen Existenz. In Kreisen, in denen die Gottesfrage etwas aus der Mode gekommen ist, machte man sich ersatzweise schnell an Verballhornungen - das Schwarze Loch etwa als Katzenauge oder Erdnussflip. Vielleicht sind solche Witze ein Versuch, mit etwas umzugehen, das man nicht erfassen kann.

Man kann diese Überforderung demütigend finden, oder aber ermutigend. Wenn der Mensch mit ein paar Teleskopen sein eigenes beschränktes Vorstellungsvermögen so weit hinter sich lassen kann, was ist dann noch alles möglich? Das Bild des Schwarzen Loches zeigt, dass jedes Gerede vom "Ende der Wissenschaft" Unsinn ist. Immer wieder heißt es, dass auf diesem oder jenem Gebiet nichts mehr zu entdecken sei; dem jungen Max Planck wurde deshalb vom Physikstudium abgeraten.

Aber die eigene Vorstellungskraft ist ein schlechtes Maß für das Mögliche. Sicher zeigen gerade Schwarze Löcher, dass noch längst nicht alles verstanden ist. Niemand weiß, wie sie wirklich funktionieren, denn dafür müsste man eine Theorie haben, die Quantenmechanik und Schwerkraft zusammenbringt. Und die ist nicht in Sicht. Aber die neue Aufnahme ermöglicht Messungen, die vielleicht eines Tages zu einer solchen Theorie führen können. Auch wenn Menschen womöglich nie die ganze Natur verstehen werden - es gibt keinen Grund, warum sich die Grenzen der Erkenntnis nicht weiter verschieben sollten.

Es liegt eine Tragik darin, dass der Menschheit diese erstaunlichen Fähigkeiten nichts bringen werden, wenn sie zugleich ihren kleinen Planeten zugrunde richtet. Wie man Umweltzerstörung und Klimawandel bremsen könnte, ist bekannt; die Wissenschaft hat ihre Arbeit gemacht. Leider ist der Mensch im Denken aber offenbar besser als im Handeln.

Die Aufnahme des Schwarzen Lochs hat eine globale Anstrengung erfordert, wenn auch in kleinerem Maßstab. 200 Forscher waren jahrelang mit Vorarbeiten und Datenauswertung beschäftigt. Für die Messungen harrten sie am Südpol oder in der Atacama-Wüste aus. All das Geld, die Mühe, der Einsatz nur für das gemeinsame Ziel, einen einzigen Blick auf ein Wunder der Raumzeit zu werfen? Wie schön ist es, dass in einer Welt, in der so viel misslingt, so etwas Großes klappt.

Leserdiskussion Schwarzes Loch: Faszinieren Sie die Entdeckungen im Weltall?

Leserdiskussion

Schwarzes Loch: Faszinieren Sie die Entdeckungen im Weltall?

Astronomen der Event-Horizon-Telescope-Kollaboration haben die erste direkte Aufnahme eines Schwarzen Lochs präsentiert. Das Objekt ist 6,5 Milliarden mal so schwer wie die Sonne und liegt im Zentrum der nahen Galaxie M87, 55 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt.