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Wissenschaft:Der Seuche auf der Spur

Der deutsche Virologe Christian Drosten von der Charité hat einen passenden Test entwickelt.

Christian Drosten, the director of the virology department, is seen at the Charite hospital in Berlin

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, gilt als einer der Entdecker des Sars-Virus.

(Foto: REUTERS)

Im Frühjahr 2003 wurde Christian Drosten über Nacht berühmt. Ein Fernsehteam nach dem anderen drängte sich in das Labor am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, in dem Drosten in den Tagen zuvor einen Test auf das Sars-Virus entwickelt hatte - dem Erreger, der damals die Welt schreckte. Am 12. März des Jahres hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor dem Ausbruch des neuartigen Erregers gewarnt. Bereits am 26. März präsentierte Drosten einen funktionierenden Virus-Test, dem es nicht zuletzt zu verdanken ist, dass der Sars-Ausbruch ziemlich rasch unter Kontrolle gebracht wurde. Insgesamt kostete Sars damals fast 1000 Menschen das Leben, etwa zehnmal so viele Menschen erkrankten schwer.

Viele Nachrichten der vergangenen Tage erinnern an die Situation damals. Und Christian Drosten, Jahrgang 1972, ist wieder ein gefragter Mann. 2003 war er noch Mitarbeiter im Labor des Virologen Stephan Günther am Bernhard-Nocht-Institut, heute ist der Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. In nur wenigen Tagen ist er zum Obererklärer der Seuche aus der chinesischen Stadt Wuhan geworden. Man merkt ihm an, dass er sich inzwischen an Kameras gewöhnt hat - in einem guten Sinn. Er kann in der Tagesschau das Infektionsgeschehen seelenruhig und verständlich für ein Millionenpublikum erklären, ohne dabei die Dinge zu banalisieren.

Bereits vor den ersten genetischen Analysen des neuen Erregers hatte er vermutet, dass es sich um einen Verwandten des Sars-Erregers handeln könnte. Der Verdacht wurde inzwischen bestätigt. Jetzt ist die wichtigste Frage, wie gefährlich das neue Virus ist, das wie Sars oder auch Mers zur Familie der Coronaviren zählt. Und es liegt auch an Christian Drosten, dass die Zahl der registrierten infizierten Menschen über das Wochenende sprunghaft angestiegen ist. Denn in der vergangenen Woche veröffentlichten er und Kollegen ein Nachweisverfahren für das Virus aus China. Der Test hilft, Verdachtsfälle zweifelsfrei aufzuklären. Dank des Tests ist inzwischen klar, dass sich das Virus auch von Mensch zu Mensch verbreitet und nicht immer neu von Tieren auf Menschen wechselt.

Sowohl im Jahr 2003 als auch jetzt wieder teilte Drosten sein Wissen umgehend mit anderen Wissenschaftlern weltweit und gab den Kollegen so erst das nötige Werkzeug an die Hand, um die Ausbrüche schnell unter Kontrolle bringen zu können. Bei Sars hat das funktioniert. Wie sich nun der aktuelle Ausbruch entwickeln werde, sei noch nicht abzusehen, sagte er in einem Interview. Dass der neue Erreger verwandt ist mit dem Sars-Virus, wenngleich nach derzeitigem Wissen nicht so gefährlich, bezeichnet er als gute Nachricht. Denn so könne man von bestehendem Wissen profitieren. Gegen Sars gibt es bereits einige vielversprechende mögliche Wirkstoffe, die vielleicht auch gegen das neue Coronavirus funktionieren.

© SZ vom 23.01.2020
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