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Wirtschaftskrise:Tief im Minus

Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 9,7 Prozent gesunken. Steuereinnahmen brechen weg - das Staatsdefizit wächst. Zur Rettung angeschlagener Unternehmen will die Koalition die Kurzarbeit verlängern.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Ein tiefes Loch in den Staatsfinanzen, ein massiver Einbruch der Wirtschaftsleistung, sinkende Steuereinnahmen: Die ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie lassen sich zunehmend in Euro und Cent ausrechnen. So wuchs das Staatsdefizit im ersten Halbjahr nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes auf 51,6 Milliarden Euro - nach einem Überschuss von mehr als 46 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2019. Die Steuereinnahmen brachen im ersten Halbjahr um 8,1 Prozent ein. Und die Wirtschaft schrumpfte zwischen März und Juni um 9,7 Prozent gegenüber dem ersten Quartal des Jahres. Das ist zwar etwas weniger stark, als die Statistikbehörde zunächst angenommen hatte - aber immer noch das stärkste Minus seit Einführung der vierteljährlichen Statistik 1970.

Doch Ökonomen erwarten eine rasche Erholung. "Im laufenden Quartal dürfte nun ein Anstieg folgen, der ebenfalls Rekordcharakter hat", sagte Sebastian Dullien, Chef des gewerkschaftsnahen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Die Folgen der Krise werde er aber nicht so schnell vergessen machen. "Ich rechne damit, dass das Vorkrisenniveau nicht vor Ende 2021 wieder erreicht wird", so Dullien. Ähnlich sieht das die staatseigene Bankengruppe KfW. Allerdings baut sie vor allem auf einen Impfstoff - er mache weitere Lockerungen möglich und könne der Wirtschaft den entscheidenden Schub geben. "Ein effektiver Corona-Impfstoff wäre der Gamechanger", sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Gleichwohl bleibe das "Abwärtsrisiko" einer starken zweiten Infektionswelle.

Einstweilen aber schöpfen auch Unternehmen wieder Hoffnung. Am Dienstag legte das Münchner Ifo-Institut die neuesten Werte seines Geschäftsklima-Index vor, zum vierten Mal in Folge sind darin die Erwartungen der Unternehmen gestiegen. "Die deutsche Wirtschaft ist auf Erholungskurs", sagte Ifo-Chef Clemens Fuest. Vor allem in der Industrie füllten sich nun wieder die Auftragsbücher.

Die Bundesregierung sieht derlei Zahlen als Bestätigung ihres Corona-Kurses. Vieles spreche dafür, "dass die Wirtschaft sich besser entwickeln wird, als wir vor einiger Zeit prognostiziert haben", sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Nun bräuchten Firmen die Zuversicht, dass sie bis zum Ende der Krise durchhalten. "Das Thema Kurzarbeit wird dabei eine große Rolle spielen", sagte Scholz.

Am Dienstag befassten sich damit auch die Spitzen von Union und SPD. Bei einem Koalitionsgipfel wollten sie klären, ob die maximale Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes verlängert werden soll. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte dafür geworben, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter bis zu 24 Monate lang in Kurzarbeit schicken können, statt bislang höchstens zwölf. Firmen, die coronabedingt in Schwierigkeiten geraten sind, könnten ihren Mitarbeitern so eine längere Überbrückung anbieten; die Bundesagentur für Arbeit würde einen Teil des Gehaltsverlusts ausgleichen. Auch die Union ist nicht gegen eine Verlängerung. Sie warnte aber vor ausufernden Kosten. Das Treffen dauerte bei Redaktionsschluss noch an.

© SZ vom 26.08.2020

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