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Wirtschaft:Viele Deutsche haben kaum Ersparnisse

Jeder dritte Haushalt käme bei einem Wegfall des Einkommens nur wenige Wochen über die Runden, hat eine neue Studie ergeben.

Die Ersparnisse in Deutschland sind laut einem neuen Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) sehr ungleich verteilt. Jeder dritte deutsche Haushalt hat demnach nur Ersparnisse für wenige Wochen, um im Notfall seine Ausgaben decken zu können. Die Hälfte der Deutschen besitzt nichts bis höchstens 50 000 Euro. Dagegen könnten die reichsten fünf Prozent von ihren Ersparnissen länger als 20 Jahre leben.

Die Daten illustrieren die großen Unterschiede in der Bundesrepublik. Nach Angaben der Organisation OECD besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als 60 Prozent des gesamten Vermögens. Nach dem Bericht des gewerkschaftsnahen WSI ist der Reichtum inzwischen noch etwas ungleicher verteilt als zur Jahrtausendwende. Bei den Einkommen sind die Unterschiede seitdem deutlich größer geworden. Ökonomen machen für diesen Trend, der in vielen Industriestaaten zu beobachten ist, unter anderem die Globalisierung, die Tendenz zu unsicheren, mäßig bezahlten Dienstleistungsjobs und den Abbau von Sozialleistungen verantwortlich. Der marktwirtschaftlich orientierte Internationale Währungsfonds warnte kürzlich, ungleich verteilter Reichtum mache Bürger unzufrieden und schüre Ängste.

In ihrer Berechnung nehmen die Düsseldorfer WSI-Forscher an, dass mit einem Mal alle Einkommen vollständig wegfallen und die Betroffenen mit ihren Ersparnissen alle Ausgaben abdecken müssen. In der Realität würde ein Bürger in einer Krise wie längerer Krankheit oder Arbeitslosigkeit aber soziale Leistungen erhalten. Die Berechnungsmethode soll die Vermögensdifferenzen, die in der Bundesrepublik nach Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung so groß sind wie nirgends sonst in der Euro-Zone, auf eine neue Art deutlich machen. Unterstellt werden dabei alltägliche Ausgaben inklusive Wohnen von im Mittel knapp 1300 bis 2600 Euro pro Haushalt. Der Bericht zeigt ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung nach wie vor starke Unterschiede zwischen Ost und West; bei ostdeutschen Haushalten reichen die Ersparnisse halb so lang wie bei westdeutschen. "Besonders problematisch ist die Situation von Alleinerziehenden und deren Kindern", sagte die Forscherin Anita Tiefensee: "Rund 40 Prozent von ihnen verfügen über kein Vermögen." Ältere Menschen, die ihr Leben lang Zeit hatten, um Geld zurückzulegen, stehen dem Bericht zufolge etwas besser da. Haushalte mit einem Hauptverdiener, der älter ist als 65 Jahre, haben doppelt so viele Rücklagen wie der Durchschnittshaushalt.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Mehrzahl der Deutschen über keine oder nur sehr geringe private Absicherung verfüge, sagt WSI-Direktorin Anke Hassel. "Deshalb ist es ein massives Problem, wenn der Niedriglohnsektor bei uns weiterhin größer ist als in vielen anderen europäischen Ländern." Sie kritisierte zudem die aus ihrer Sicht zu niedrigen Renten sowie die mangelhaften Absicherungen beim Verlust des Arbeitsplatzes oder bei längerer Krankheit.