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Wirecard:Managern drohen Haftbefehle

Der Internetkonzern gibt zu, dass offizielle Bankguthaben über 1,9 Milliarden Euro wahrscheinlich gar nicht existieren.

Im Skandal um mögliche Luftbuchungen in Milliardenhöhe beim Internetunternehmen Wirecard müssen die langjährigen Konzernmanager Markus Braun und Jan Marsalek mit Haftbefehlen rechnen. Mit dem Fall befasste Wirtschaftsanwälte gehen davon aus, dass die Staatsanwaltschaft München I bei Gericht Untersuchungshaft beantragen wird. Das wäre möglich, wenn Flucht- oder Verdunkelungsgefahr vorläge. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Manipulation des Börsenkurses und prüft weitere mögliche Straftaten wie Bilanzfälschung.

"Mein Mandant wird sich dem Verfahren selbstverständlich stellen", sagte Brauns Anwalt Alfred Dierlamm der Süddeutschen Zeitung. Braun war vergangene Woche als Vorstandschef zurückgetreten, nachdem Zweifel aufgekommen waren, ob offiziell angegebene Bankguthaben auf philippinischen Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro wirklich vorhanden sind. Am Montag hat Wirecard dann zugegeben, dass diese Guthaben "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Das entspricht etwa einem Viertel der Bilanzsumme. Vorstandsmitglied Jan Marsalek wurde am Montag gekündigt.

Wirecard wickelt bei Online-Bestellungen die Zahlungen zwischen Käufern und Händlern ab. Braun und Marsalek hatten das in Aschheim bei München ansässige Unternehmen in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer der vermeintlich wertvollsten deutschen Aktiengesellschaften gemacht. Wirecard profitierte vom Internet-Boom und stieg sogar in den Deutschen Aktienindex (Dax) auf, in dem die 30 größten Aktiengesellschaften hierzulande versammelt sind. Darunter BMW, Telekom, Siemens und Volkswagen.

Der Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, hat das offenkundige Milliardenloch bei Wirecard als "komplettes Desaster" bezeichnet. Bei der Fachkonferenz "Frankfurt Finance Summit" sagte Hufeld: "Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe." Die Aufsichtsbehörden einschließlich der Bafin seien "nicht effektiv genug gewesen", um das zu verhindern, räumte Hufeld ein.

Hinweise auf Unregelmäßigkeiten oder geschönte Bilanzen bei Wirecard gibt es seit Jahren. Bis vor Kurzem sahen Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsbehörden aber keinen Anlass, einzuschreiten. Jetzt erklärt Wirecard, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich das mutmaßliche Milliardenloch auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre auswirke. Gemeint sind die Konzernbilanzen bis einschließlich 2018. Delikte wie eine Manipulation des Börsenkurses oder Bilanzfälschungen können mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden. Braun und Marsalek haben während ihrer Zeit bei Wirecard alle Vorwürfe zurückgewiesen, es sei bei den Geschäften des Bezahldienstleisters zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Der Aktienkurs des Konzerns stürzt seit Tagen ab. Banken könnten hohe Kredite zurückfordern, Wirecard kämpft ums Überleben.

© SZ vom 23.06.2020

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