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Kretschmann im Interview:"Die Wähler sind heute schleckiger"

SZ: Das hat Hannelore Kraft mit ihrer rot-grünen Regierung in Nordrhein-Westfalen auch getan. Dort hieß es, man mache intelligente Schulden. Aber da hat das Landesverfassungsgericht rebelliert.

Kretschmann: Wir müssen investieren, gerade im Bildungsbereich. Aber wir werden trotzdem auf einem Pfad bis 2020 zur Nullverschuldung kommen, das schreibt die Verfassung vor. Von dem Begriff "intelligente Schulden" halte ich aber nichts. Die Schulden haben die dumme Eigenschaft, dass man ihnen später nicht ansieht, aus welchem Grund sie gemacht wurden, sie sind einfach nur da. Haushaltsdisziplin ist nicht nur von der Sache her geboten. Wir müssen den soliden Menschen in diesem Land auch zeigen, dass wir besser mit Geld umgehen können als die Schwarzen.

SZ: Die Republik wird auf den Umgang des ersten grünen Ministerpräsidenten mit der Wirtschaft schauen. Welches Unternehmen besuchen Sie als erstes?

Kretschmann: Ich besuche besonders gerne unsere Betriebe im Maschinen-, Anlagen- und Fahrzeugbau. Die haben sich schon auf einen grünen Weg gemacht, ressourcen- und energiesparende Produktlinien zu entwickeln. Nur mit grünen Produktlinien kann man in Zukunft erfolgreich sein.

SZ: Wo ist denn bei Daimler die grüne Produktlinie?

Kretschmann: Nun, sie strengen sich ja jetzt an, Autos zu entwickeln, die weg von ihren Spritfresser-Karossen gehen. Wo, wenn nicht hier im reichen Hochtechnologieland Baden-Württemberg sollen denn grüne Produkte entwickelt werden? Wir wollen der Pfadfinder sein, der die Wirtschaft in die richtige Richtung führt.

SZ: Können die Grünen die Nachfolge der CDU antreten als Volkspartei?

Kretschmann: Die Wähler sind heute schleckiger, sie legen mit der Wahl keine Treueschwüre mehr an. Aber der ökologische Gedanke trägt sich durch, in vielen Lebensbereichen und Schichten. Wir Grüne können noch breiter werden. Außerdem nimmt der Akademisierungs-grad zu, insofern haben wir gute Voraussetzungen. Andererseits werden wir immer ein Problem haben, eine Massenpartei zu werden, weil wir ja die Partei des Rockes sind, der langen Linien und langen Horizonte. Und man weiß eben, dass dem Menschen das Hemd näher ist als der Rock.

SZ: Bei der FDP war die Stunde des Triumphes bei der Bundestagswahl zugleich der Beginn des Niedergangs. Könnte das bei den Grünen auch so sein?

Kretschmann: Das glaube ich nicht. Der Gedanke des Ökologischen ist sehr stabil und tragend, wir haben ihn von der reinen Umweltfrage aus erweitert. Die FDP dagegen hat den Gedanken des Liberalismus auf die Steuerfrage schrumpfen lassen. Aber ich weiß, dass die Erwartungen an uns riesig sind. Und ich weiß auch, dass wir nicht alle Erwartungen erfüllen können. Auch in der neuen Bürgergesellschaft müssen die Bürger und die Institutionen im Gleichgewicht bleiben. Das kann leicht kippen. Das können wir nur verhindern, indem wir unseren Maßstab offen legen: Dass wir etwa die örtlichen Einwände gegen ein Windrad ernst nehmen, dass wir aber auch ans große Ganze denken müssen, an die Energiewende.

SZ: Sie sagen dem grünen Kreisvorsitzenden, der gegen das Windrad ist: Das Windrad wird gebaut.

Kretschmann: Politik ist dazu da, schwierige Probleme zu lösen, die leichten lösen auch ohne sie. Wir Grüne müssen die Partei für das Ganze sein. Der Interessenausgleich gehört zwar zur Demokratie. Aber wenn er sich nicht an der regulativen Idee des Gemeinwohl spiegelt, sind große und notwendige Reformvorhaben wie die Energiewende nicht möglich.

SZ: Sie haben lange auf eine schwarz-grünen Regierung hingearbeitet, vom "gelobten Land" haben sie gesprochen. Was ist denn dann bitte Grün-Rot?

Kretschmann: Mit dem "gelobten Land" war die Regierung gemeint, eine Machtperspektive ohne CDU war bis jetzt nicht realistisch. Die inhaltliche Idee war, mit einer wirtschaftsnahen Partei den ökologischen Gedanken in die Wirtschaft zu tragen. Davon hat sich aber die CDU mit dem historischen Fehler, die Laufzeit der Atomkraftwerke zu verlängern, verabschiedet.

SZ: Die CDU ist dabei, diesen Fehler zu korrigieren. Sie reinigt sich im Fegefeuer von ihren Sünden, um sich für den Himmel mit den Grünen zu qualifizieren.

Kretschmann: Oppositionsbänke sind hart und regen zum Denken an, da kommt man auf gute Ideen. Diese Erfahrung haben wir Grüne dreißig Jahre lang gemacht, jetzt können wir sie umsetzen. Jetzt darf eben auch die CDU mal wieder denken und neue Ideen entwickeln. Das ist doch eine echte Win-Win-Situation für beide Seiten.

© SZ vom 18.04.2011/kar

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