Vogel- und Klimaschutz:Rotmilan gegen Windrad, nächste Runde

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Vogel- und Klimaschutz: Rotmilane suchen den Boden unter sich nach Beute ab und schauen deshalb weniger nach vorn - ein tödliches Risiko.

Rotmilane suchen den Boden unter sich nach Beute ab und schauen deshalb weniger nach vorn - ein tödliches Risiko.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Damit der Bau neuer Rotoren nicht mehr so oft an dem Greifvogel scheitert, hat die Bundesregierung nun das Naturschutzgesetz geändert. Vogelschützer kritisieren die Regeln als zu lax. Dabei hat die Wissenschaft auf eine entscheidende Frage noch gar keine endgültige Antwort.

Von Thomas Hummel

In einem Wäldchen bei Watterdingen im Landkreis Konstanz hat ein tierischer Umzug stattgefunden. Im Nest eines Mäusebussards sitzt plötzlich ein Rotmilan. Der alte Horstbesitzer musste sich wohl eine neue Bleibe suchen, und auch Jörg Dürr-Pucher hat nun ein Problem. Er ist Projektentwickler der Solarcomplex AG, die in der Nähe des Horstes drei Windräder aufstellen will. Doch im Gegensatz zum Mäusebussard ist der Rotmilan laut neuem Bundesnaturschutzgesetz eine "kollisionsgefährdete Brutvogelart", weshalb das Projekt nun wieder auf der Kippe steht.

"Wir tun so, als würde die Natur funktionieren wie wir Menschen, und die Wohnverhältnisse blieben quasi immer gleich", sagt Dürr-Pucher. Das sei aber ein dynamischer Prozess: "Tiere machen sich ihre Wohnungen gegenseitig streitig." Nun ist dem 55-Jährigen also ein Rotmilan ins Gehege gezogen, was in der Windkraftbranche als größter anzunehmender Unglücksfall gilt. Selten kommt das nicht vor, etwa 60 Prozent der weltweiten Bestände leben in Deutschland, Baden-Württemberg wurde beim Nestbau beziehungsweise -klau zuletzt immer beliebter. Und wo er vorkommt, ist der Greifvogel einer der größten Windrad-Verhinderer des Landes. Naturschützer und Windkraftgegner nutzten bislang die Rechtslage, um den Bau von Anlagen mindestens auf Jahre zu verzögern, wenn nicht ganz zu stoppen.

Dabei wollen die grün-schwarze Landesregierung in Stuttgart wie die Ampelkoalition in Berlin jetzt mehr und vor allem größere Windräder bauen. Die Bundesregierung hat das Ziel, bis 2030 den Stromverbrauch zu 80 Prozent mit erneuerbaren Energien zu decken. Das ist sehr ambitioniert. Im ersten Quartal dieses Jahres lieferten die Erneuerbaren 47 Prozent des Strombedarfs - und bis in acht Jahren dürfte der Verbrauch durch E-Autos und Wärmepumpen noch steigen. Was ist nun wichtiger: Klimaschutz oder Vogelschutz?

In der EU zählt jeder einzelne bedrohte Vogel

Laut Richtlinie der Europäischen Union geht es bei bedrohten Arten um den Schutz jedes einzelnen Vogels. Gilt bei einem Infrastrukturprojekt das Tötungsrisiko eines Seeadlers, Baumfalken, Uhus oder eben Rotmilans als "signifikant erhöht", dann wackelt die Baugenehmigung. Entscheidend ist dabei der Abstand zu Brutstätten. Da die Natur aber bisweilen nicht das tut, was der Menschen plant, bewegt man sich häufig in rechtlichen Grauzonen, Gutachten folgt auf Gutachten, Gerichte tun sich schwer damit, zu entscheiden. Im Landkreis Reutlingen hat es acht Jahre gedauert, bis das Landratsamt im Juli den Bau von fünf Windrädern genehmigte. Der Fall war durch alle Instanzen geklagt worden. Die Firma Sowitec darf nun bauen, muss zum Schutz des Rotmilans die Anlagen aber in der Zeit zwischen dem 1. März und dem 15. September von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang abschalten.

Solche Auflagen sind nicht selten, denn der Rotmilan gilt als speziell von Windrädern gefährdet. Er fliegt bei der Jagd über das Feld und blickt dabei eben nach unten - dorthin, wo sich Beutetiere wie Mäuse und Ratten aufhalten - und nicht nach vorne. Deshalb sieht er die Rotoren nicht und stößt mit ihnen zusammen. "Wir haben aber das Manko, dass die Frage, wie häufig solche Kollisionen sind, noch nicht beantwortet ist", sagt Elke Bruns, stellvertretende Direktorin des Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) in Berlin. Es fehlten Studien.

Im Februar erschien in der ZDF-Sendung "Frontal" ein Beitrag, der vor allem die Windkraftgegner aufschreckte. Darin präsentierte das von der EU geförderte Projekt Life Eurokite erste Ergebnisse zu der Frage: Woran sterben Rotmilane? Das Team um den österreichischen Biologen Rainer Raab fängt dazu Vögel und versieht sie mit einen GPS-Sender. Stirbt ein Vogel, stellt ein Tierarzt die Todesursache fest. Am häufigsten werden Rotmilane auf dem europäischen Festland demnach von natürlichen Feinden gefressen, illegale Vergiftung folgt auf Rang zwei vor Straßenverkehr, Stromleitungen, Abschuss und Schienenverkehr. Windräder kommen erst auf Rang sieben.

Nach der Sendung erlebten die Mitarbeiter von Life Eurokite, wie emotional die Debatte geführt wird. Sie sahen sich genötigt klarzustellen, dass es sich um vorläufige Ergebnisse handle, die endgültige Analyse dauere noch an. Das Team will sich zum Thema Windräder nicht mehr äußern, bis das Projekt abgeschlossen ist. Also frühestens Ende des Jahres.

Elke Bruns vom KNE findet, die Eurokite-Studie sei auf einem guten Weg, mehr Gewissheit in die Debatte zu bringen. Hilfreich findet sie auch den Versuch der Planungsgruppe Grün GmbH in Oldenburg, mittels Laser herauszufinden, wie sich Rotmilane im Flug verhalten. Der Feldversuch habe gezeigt, dass die Vögel die Windräder nicht meiden, sondern sehr dicht an den Anlagen vorbeifliegen, den Rotor aber als Gefahrenbereich erkennen und umfliegen, erklärte Geschäftsführer Martin Sprötge im Magazin Erneuerbare Energien. Das stütze die Theorie, dass Kollisionen eher zufällige Ereignisse seien. Gerichtsfest ist aber auch diese Untersuchung noch nicht.

Stellt sich heraus, dass Rotmilane nur selten mit Windrädern kollidieren, dürften in der Politik vor allem die Grünen aufatmen. Für sie ist das Thema ein schwerlich aufzulösendes Dilemma. Weil sie in der Bundesregierung die Ressorts Klima und Wirtschaft sowie Umwelt besetzen, müssen sie das Problem auch selbst lösen. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Umweltministerin Steffi Lemke veränderten dazu sprichwörtlich in Windeseile das Bundesnaturschutzgesetz, das seit 29. Juli in Kraft ist.

Auch am neuen Bundesnaturschutzgesetz gibt es viel Kritik

Kern der Gesetzesänderung ist, dass mehr für den Erhalt der Population getan werden soll, aber der einzelne Vogel nicht im Mittelpunkt steht. Für Abstandsregeln gelten nun Standards, im Fall des Rotmilans: kein Windrad im Umkreis von 500 Metern rund um das Nest. Dazu kommen zwei Prüfbereiche im Umkreis von 500 bis 1200 Metern und dann 3200 Metern. Darin sollen die Windkraftunternehmen Maßnahmen ergreifen, um das Tötungsrisiko zu verringern. Etwa in der entgegengesetzten Richtung zum Windrad attraktive Jagdreviere für die Vögel anlegen. Wie in Reutlingen können weiterhin Abschaltungen zur Jagd- und Brutzeit angeordnet werden und außerdem die Installation neuartiger und teurer Kamerasysteme, die Rotmilane erkennen und das Windrad abschalten, wenn sich einer nähert.

Allerdings gibt es im neuen Gesetz einen Passus, der vieles davon obsolet machen könnte. All die Maßnahmen gelten nämlich für Unternehmen als unzumutbar, wenn sich dadurch der Ertrag ihrer Windkraftanlagen um mehr als sechs Prozent verringert. An Standorten mit viel Wind dürfen es bis zu acht Prozent sein.

Der Naturschutzbund (Nabu) übte teils scharfe Kritik, Teile des Gesetzes seien nicht mit EU-Recht vereinbar und würden die Rechtsunsicherheit fortschreiben. Auch Jörg Dürr-Pucher von Solarcomplex, früher Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, glaubt, dass die Verwaltungsgerichte entscheiden werden, ob das neue Bundesnaturschutzgesetz in dieser Form Bestand hat. Gerade für Baden-Württemberg sei die Frage entscheidend. "Quasi überall haben wir mit dem Rotmilan zu tun", sagt er. Es sei ein Rätsel, warum er sich hier so häufig niederlasse, auch im Vergleich zu Bayern oder Sachsen, die ein ähnliches Landschaftsbild aufwiesen.

Von dem eingereisten Rotmilan bei Watterdingen will sich Dürr-Pucher aber nicht mehr abhalten lassen. Es herrschte Aufbruchstimmung in der Windkraftbranche, berichtet er. Den Genehmigungsantrag für den Windpark will er noch in diesem Jahr im Landratsamt Konstanz einreichen.

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