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Windenergie:Verrat einer Idee

Die Energiewende sollte ein Gemeinschaftswerk werden. Davon ist nun wenig übrig. Teile der Regierung stehlen sich aus der Verantwortung - vor allem wenn es darum geht, die Windenergie auszubauen. Steckt dahinter der Plan, die Atomenergie wieder ins Spiel zu bringen?

Die Energiewende funktionierte für viele Bürger zuletzt so: Von irgendwoher kommt ein Investor mit Taschen voller Geld. Er pflanzt gigantische Windräder in die Landschaft und erntet fleißig die Erträge, die er ganz woanders versteuert. Wenn es hochkommt, kann ein örtlicher Bauer noch Pacht verdienen; vielerorts in Ostdeutschland aber nicht einmal das. Dort streicht die Nachfolgegesellschaft der einstigen LPG die Pacht ein. Oder, wenn es ganz dumm kommt, ein Westdeutscher, der sich nach der Wende den einstigen Familiengrund gesichert hat. Dass die Zahl der Energiewende-Fans schrumpft, gerade in Ostdeutschland, ist so gesehen kein Wunder.

Das alles war ganz anders geplant. Als nach dem Fukushima-GAU auch Union und FDP auf erneuerbare Energien umschwenkten, ging das Wort um vom großen "Gemeinschaftswerk", vor dem das Land nun stehe. Knapp neun Jahre später ist von dieser Idee nicht mehr viel übrig. Teile der Regierung haben das Gemeinschaftswerk sich selbst überlassen. Der Ausbau der Windkraft ist 2019 fast zum Erliegen gekommen, der Widerstand gegen neue Windparks wächst.

Ein Gemeinschaftswerk - das war genau der richtige Gedanke. Aber er müsste mehr denn je auch Teilhabe bedeuten. Ohne eine stetig wachsende Zahl von Windrädern an Land kann die Abkehr von Kern- und Kohlekraft nicht gelingen. Aber eine wachsende Zahl von Windrädern gelingt nicht gegen den Willen der Bürger. Wenn Bürger nicht an den Erfolgen der Energiewende teilhaben, wird sie scheitern.

Um diese Teilhabe herzustellen, kursieren mittlerweile einige Ideen, zuletzt aus Kreisen der SPD-Fraktion. Doch nicht alle werden funktionieren. Anwohner etwa bei den Stromkosten zu entlasten, ist zwar gut gemeint, wird aber Gegner nicht besänftigen: Es klingt eher nach Schmerzensgeld. Nicht viel besser sieht das bei einer Beteiligung der Kommunen aus. Die mag zwar Stadträte und Kämmerer begeistern, weniger aber die Gegner an Ort und Stelle. Eine breite Allianz für saubere Energie entsteht so noch nicht.

Nein, Teilhabe an der Energiewende verlangt die Möglichkeit echter Teilhaberschaft. Bürger müssen die Chance erhalten, sich bei Windparks in der Nachbarschaft einzukaufen. Sie brauchen Unterstützung, auch finanzieller Natur, wenn sie gemeinschaftlich selbst einen Windpark aufziehen wollen. Dann haben sie auch am ehesten Mitsprache, wo und wie gebaut wird. Wer mit jeder Umdrehung Geld verdient, blickt gleich ganz anders auf so ein Windrad. Doch unzählige Gesetzesänderungen haben die Verfahren so kompliziert gemacht, dass selbst engagierte Bürger sie derzeit kaum verstehen.

Die Politik kann diese Verfahren wieder vereinfachen. Vor allem aber muss sie ihr Gemeinschaftswerk endlich wieder offensiv verteidigen. Die Energiewende ist kein Selbstzweck, kein Kind des Zeitgeists. Die Energiewende ist nicht weniger als ein Geschenk an künftige Generationen. Sie sollen ihren Wohlstand besser sichern können - ohne Schäden für die Erdatmosphäre und strahlende Altlasten.

Umgekehrt gilt: Scheitert die Energiewende, dann scheitert auch der Ausstieg aus der Kohle. Dann steht dem Land eine neue Atom-Debatte bevor. Und wer weiß: Vielleicht führt das mancher im Schilde, der heute lautstark die mangelnde Akzeptanz für die Energiewende bedauert.

© SZ vom 04.01.2020

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