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Wikileaks: US-Außenpolitik:Wer Obama hilft, der darf ihn treffen

Mal brisant, mal peinlich, mal banal: Die von Wikileaks veröffentlichten Dokumente zeigen, wie US-Diplomaten vom Antiterrorkampf in Beschlag genommen werden, wie sie in der Weltpolitik vorgehen, und was sie von den Kollegen halten.

Reymer Klüver, Washington

Viele der 251.287 Depeschen amerikanischer Diplomaten an ihre Zentrale, das State Department in Washington, sind schlicht banal. Manche sind ein bisschen peinlich, andere brisant.

Insgesamt aber zeigen die vertraulichen Dokumente, die Wikileaks in dieser Woche nach und nach veröffentlichen will und der New York Times und anderen Medien vorab zur Verfügung stellte, vor allem eines: wie sehr der Antiterrorkampf weiter Washingtons Diplomaten absorbiert, wie die Weltmacht rund um den Globus strampelt, um ihren Einfluss zu wahren - und wie frustrierend sich aus US-Sicht der Umgang selbst mit befreundeten Regierungen mitunter gestaltet.

Das Weiße Haus verurteilte die Veröffentlichung der Dokumente am Sonntag als "verantwortungslos und gefährlich". Diplomatische Depeschen seien "aus der Natur der Sache heraus offenherzig" und enthielten oft "unvollständige Informationen". Sie seien nicht unbedingt "Ausdruck" der US-Außenpolitik und hätten keinesfalls immer die politischen Entscheidungen in Washington beeinflusst.

Dennoch werfen sie vielfach ein bezeichnendes Licht darauf, wie die USA Außenpolitik betreiben.

Beispiel Guantanamo: Um Häftlinge aus dem Internierungslager loszuwerden, haben US-Diplomaten ungeniert Deals vorgeschlagen: Sloweniens Regierungsspitze wurde zur Belohnung ein Treffen mit Präsident Barack Obama in Aussicht gestellt, sollte das Land einen Gefangenen aufnehmen. Dem Inselstaat Kiribati wurden Millionen an Dollar für die Aufnahme von Guantanamo-Insassen angeboten.

Beispiel Afghanistan: Die Dokumente zeigen, wie sehr die USA sich der Korruption ihrer Partner in Afghanistan bewusst sind - und wie wenig sie machen können. In Berichten über Treffen mit Ahmed Wali Karsai, dem starken Mann in der umkämpften Provinzhauptstadt Kandahar und Halbbruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, wird er als "korrupt und ein Drogenhändler" beschrieben, dem offenkundig nicht klar sei, wie viel die USA tatsächlich über ihn wüssten: "Wir müssen seine Aktivitäten genau überwachen und ihm wiederholt eine klare Botschaft übermitteln", heißt es in einer Depesche vom Februar 2010.

In einem anderen Bericht wird geschildert, dass Afghanistans damaliger Vizepräsident Ahmed Zia Massoud vergangenes Jahr bei einem Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten "eine beträchtliche Summe" dabei gehabt habe - 52 Millionen Dollar in bar. Man habe sich aber entschlossen, ihm das Geld zu lassen, ohne nach dessen Herkunft und der weiteren Bestimmung zu fragen.

Wenig Schmeichelhaftes über Erdogan

Beispiel Nordkorea: Die Botschafterin in Südkorea, Kathleen Stephens, berichtet, dass Südkorea mit einem Zusammenbruch des Regimes in Nordkorea rechnet - und für den Fall China mit großzügigen Handelsangeboten ködern will. So sollten dem großen Nachbarn Sorgen vor einem wiedervereinigten und mit den USA verbündeten Korea genommen werden.

Silvio Berlusconi, Vladmir Putin

"Üppige Geschenke", "lukrative Energieverträge", "zwielichtige" Vermittler: US-Diplomaten sind beunruhigt darüber, dass Silvio Berlusconi sich immer mehr zum Sprachrohr seines Freundes Wladimir Putin entwickelt.

(Foto: AP)

Beispiel Russland: Mit Argwohn haben US-Diplomaten die Verbindungen zwischen Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi und Russlands Premier Wladimir Putin beobachtet und von "üppigen Geschenken", "lukrativen Energieverträgen" und "zwielichtigen" russischen Vermittlern berichtet. Sie lassen Außenministerin Hillary Clinton wissen, dass Berlusconi sich "zunehmend zum Sprachrohr Putins" in Europa entwickle.

Beispiel Türkei: Über Premier Tayyip Erdogan kabelten die US-Diplomaten, er umgebe sich "mit unterwürfigen Beratern". Er habe sich von "zuverlässigen Informationen" abgeschottet, was zum Teil "seine Unfähigkeit erklärt, Zusammenhänge zu verstehen".

Beispiel Libyen: Aus den Dokumenten geht hervor, wie beleidigt der libysche Diktator Muammar el Gaddafi wirklich war, als ihm die USA während seines UN-Besuchs in New York im vergangenen Jahr die Errichtung seines Wüstenzelts und die Visite von Ground Zero untersagten: Gaddafi wollte daraufhin, entgegen vorheriger Zusagen, hochangereichertes Uran nicht nach Russland zurückgeben. Außerdem wird berichtet, dass der Diktator selten ohne Begleitung seiner ukrainischen Krankenschwester erscheine, "einer sinnlichen Blondine".

© SZ vom 29.11.2010/com/mati

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