Wikileaks: US-Armee in Afghanistan:Verraten und verkauft

Zu viele Agenten, zu viele Verräter: Die Veröffentlichung geheimer Dokumente kommt für die US-Regierung zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. In Washington gibt man sich beleidigt - und erklärt die neuen Informationen für altbekannt.

Reymer Klüver, Washington

Noch am Sonntagabend schlug General Jim Jones zurück, der Sicherheitsberater des Präsidenten. "Unverantwortlich" nannte er die Veröffentlichung von mehr als 91.000 geheimen Militärdokumenten aus dem Afghanistankrieg, die nur Minuten zuvor ins Internet gestellt worden waren. Mit dem Leben der Soldaten spiele die Online-Organisation Wikileaks, und fast beleidigt fügte er in seiner Erklärung hinzu: "Wikileaks hat sich nicht bemüht, uns wegen dieser Dokumente zu kontaktieren."

An American flag is placed in a dirt-filled barrier at Combat Outpost Nolen in the Arghandab Valley

Dieser Krieg fordert immer mehr Opfer - und bietet immer weniger Aussicht auf Erfolg: eine einsame amerikanische Flagge auf afghanischem Boden.

(Foto: rtr)

Doch tatsächlich dürfte es nicht einmal so sehr die Brisanz einzelner Dokumente sein, die das Weiße Haus beunruhigt (Wikileaks gibt sogar an, 15.000 zurückgehalten zu haben, weil sie sicherheitsrelevante Geheimnisse enthielten).

Vielmehr dürfte der Umstand die US-Regierung aufregen, dass nun wieder jäh der opferreiche und bisher wenig erfolgversprechende Krieg in Afghanistan ins Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit gerückt wird. Und das in einer Woche, da ohnehin ein neuer trauriger Meilenstein zu vermelden sein wird.

Im Juni und Juli sind bisher 116 US-Soldaten gefallen, das sind die verlustreichsten Monate in der Geschichte des neunjährigen Kriegs. Und die Frage wird lauter gestellt werden, ob denn die Strategie von Präsident Barack Obama und die damit verbundene Truppenverstärkung von 30.000 Soldaten, die er im vergangenen Dezember angeordnet hatte, wirklich die gewünschten Erfolge bringen.

Das Weiße Haus sieht "nicht viel Neues"

Darauf geben die mehr als 91.000 Dokumente nur eine sehr indirekte Antwort. Sie stammen alle aus dem Zeitraum zwischen Januar 2004 und jenem Dezember 2009. Doch sie offenbaren einen der wichtigsten Gründe für die täglichen Schwierigkeiten des US-Militärs in Afghanistan: nämlich die Mischung aus Inkompetenz, Korruption und latentem Widerstand bei der afghanischen Regierung, Polizei und Armee.

Vor allem dürfte die Zahl der afghanischen Agenten und Verräter viel höher sein als bisher angenommen. Dazu kommt die direkte Kooperation zwischen dem pakistanischen Geheimdienst ISI und den Taliban, die erkennbar enger ist, als bisher bekannt war. Erschwert wurde der Einsatz auch durch die mangelhafte Ausstattung der US-Streitkräfte sowie die mitunter gnadenlose Rücksichtslosigkeit der US-Soldaten gegenüber der Bevölkerung, die sie eigentlich schützen sollen.

Das alles war zwar - nicht im Detail, aber in groben Zügen - mehr oder minder bekannt. Weshalb die Washington Post zum Beispiel einen hochrangigen Mitarbeiter des Weißen Hauses zitiert, der die Relevanz der Dokumente herunterzuspielen sucht: "Da gibt es nicht viel Neues für all jene, welche die Entwicklungen aufmerksam verfolgt haben." Doch das ist nicht der Punkt. Die Dokumente, meist Berichte oder Funksprüche aus dem Feld, offenbaren, wie tief die Zweifel des Militärs an der eigenen Mission sitzen. Schon werden in Blogs erste Vergleiche zu den geheimen Pentagon Papers gezogen, deren Veröffentlichung 1971 die ablehnende Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit zum Vietnamkrieg zementierte.

Lesen Sie weiter, welche fünf neuen Erkenntnisse die von Wikileaks veröffentlichten Dokumente liefern.

Geheimagenten im Kampf

Allerdings, es gibt schon einige Neuigkeiten in den Dokumenten. Erstens: Kommandotruppen wie die Task Force 373 arbeiten eine sogenannte capture/kill list ab, eine Liste mit Taliban- und Al-Qaida-Führern, die sie gefangen nehmen oder ausschalten sollen, mehr oder minder ohne Rücksicht auf Verluste. Bei der Suche nach dem libyschen Kämpfer Abu Laith al-Libi etwa kamen sechs feindliche Kämpfer ums Leben - und sieben unbeteiligte Kinder. Präsident Obama hat den Einsatz der Kommandotruppen inzwischen noch intensivieren lassen.

Zweitens: CIA-Angehörige, also nicht reguläre Truppen, sind deutlich mehr in die Kämpfe verwickelt, als bisher bekannt war. Sie planen Anschläge und gezielte Angriffe und fordern Luftunterstützung an.

Drittens: Der gepriesene Einsatz unbemannter Drohnen ist nicht ganz so makellos erfolgreich wie dargestellt. Mehrere sind bereits abgestürzt oder in der Luft kollidiert - was wiederum zum gefährlichen Einsatz von Kommandotruppen führte, welche die Raketen an den Drohnen sicherstellen sollten, damit sie nicht in die Hände der Taliban geraten.

Die undichte Stelle

Viertens: Die Taliban verfügen über tragbare Raketen, mit denen sie auf Hubschrauber zielen. So schossen sie im Frühjahr 2007 einen großen CH-47-Transporthubschrauber ab. Offiziell wurde das bisher geleugnet. Es hieß, der Helikopter sei von Handfeuerwaffen getroffen worden. Der Einsatz sogenannter Stinger-Raketen, mit denen die USA die Mudschaheddin ausgestattet hatten, trug in den achtziger Jahren wesentlich zur Niederlage der sowjetischen Invasionstruppen in Afghanistan bei.

Fünftens: Der pakistanische Geheimdienst ISI hat offenkundig direkte Kontakte mit Topleuten der Taliban, unter anderem mit deren Chef Mohammed Omar selbst und dem mächtigen Paschtunen-Führer Dschalahuddin Hakkani. Präsident Obama hat der Washington Post zufolge von den Pakistanern Ende vergangenen Jahres ultimativ verlangt, die Verbindungen zu kappen.

Obwohl also offiziell die Relevanz der Dokumente heruntergespielt wird, dürfte das Pentagon tatsächlich rotieren auf der Suche nach der undichten Stelle in seinem Apparat. Erst vor wenigen Wochen hatte die Armee den 22-jährigen Computer-Experten Bradley Manning festgenommen, der als Soldat im Irak stationiert war und geheime Dokumente auf CDs gebrannt hatte. Unter anderem soll er die Video-Aufnahmen eines Helikopter-Angriffs 2007 in Bagdad an Wikileaks weitergegeben haben, bei dem die Hubschrauberbesatzung Jagd auf Zivilisten machte. Dabei war auch ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters erschossen worden. Bradley Manning hat Wikileaks angeblich insgesamt 260.000 geheime Dokumente überlassen.

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