Wikileaks-Gründer Assange flüchtet in Botschaft Warum Ecuador?

Die Flucht des Wikileaks-Gründers in eine südamerikanische Botschaft in London entrüstet sogar Assanges Anhänger - sie fühlen sich um ihre Kautionsspende geprellt. Ecuadorianische Medien halten die Erteilung des Asyls indes für "fast eine Tatsache": Assange verbindet einiges mit dem Präsidenten des Landes.

Von Alexander Menden, Peter Burghardt und Gunnar Herrmann

Seinen Sinn für Dramatik hat Julian Assange schon oft unter Beweis gestellt. Doch die Art, wie der Wikileaks-Gründer nun die nächste Runde in dem seit fast zwei Jahren laufenden Auslieferungsdisput um seine Person eröffnete, überraschte sogar seine engen Vertrauten: In einer offiziösen Stellungnahme gab der Australier am Mittwoch bekannt, er sei in der ecuadorianischen Botschaft im Londoner Stadtteil Knightsbridge "eingetroffen" und habe dort "diplomatische Zuflucht und politisches Asyl" beantragt. Sein Gesuch sei zur Prüfung an das Außenministerium in Quito weitergeleitet worden.

Ein Londoner Polizeibeamter patroulliert vor der ecuadorianischen Botschaft in London, Julian Assanges Zufluchtsort.

(Foto: dpa)

Assange reagierte mit seinem Asylantrag auf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Großbritannien, ihn nach Schweden auszuliefern. Am Donnerstag vergangener Woche hatte das Gericht einen letzten Versuch von Assanges Anwaltsteam abgelehnt, das Londoner Auslieferungsverfahren wieder aufzunehmen. Bis Ende kommender Woche hätte er noch Zeit gehabt, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anzurufen. Aber es sah so aus, als werde der 40-Jährige sich nun in Stockholm den beiden separaten Anzeigen wegen Vergewaltigung und Nötigung stellen müssen, die zwei Frauen gegen ihn erhoben haben.

Der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks glaubt, die Auslieferung nach Schweden könnte der erste Schritt auf einer Reise werden, die in den USA endet. Schweden, befürchtet Assange, würde seinerseits voraussichtlich einem amerikanischen Antrag auf Auslieferung wegen Spionage und Volksverhetzung stattgeben. In den USA, meint er, könnte ihm aufgrund der diplomatischen und militärischen Interna, die Wikileaks veröffentlicht hat, die Todesstrafe drohen. Mit seinem Asylantrag beruft er sich auf die UN-Menschenrechts-Charta.

Klarer Verstoß gegen Kautionsauflage

Das britische Außenministerium hat mitgeteilt, es sei von den ecuadorianischen Behörden über die Situation informiert worden und bemühe sich "um eine Zusammenarbeit". Würde Ecuador dem Asylantrag stattgeben, wäre allerdings völlig unklar, wie Assange die Botschaft verlassen sollte, um nach Südamerika auszureisen. Er hat mit seinem spektakulären Schachzug klar gegen britische Kautionsauflage verstoßen, sich täglich von 22 bis 8 Uhr an einer bestimmten Adresse in der Grafschaft Norfolk aufzuhalten. Die Londoner Metropolitan Police würde ihn beim Verlassen der Botschaft wohl umgehend verhaften.

Nachdem die Polizei Mittwochfrüh vor dem Botschaftsgebäude am Hans Crescent eine Weile Präsenz gezeigt hatte, wurden die Beamten vorerst alle wieder abgezogen. Betreten dürfen sie die Botschaft, die exterritoriales Gebiet ist, ohnehin nicht.