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Wikileaks-Enthüllungen:Pakistan, Freund oder Feind der USA?

Die von Wikileaks verbreiteten geheimen US-Dokumente enthalten zahlreiche Hinweise darauf, dass der pakistanische Geheimdienst mit den Taliban zusammenarbeitet.

Ist Pakistan nicht nur Verbündeter, sondern gleichzeitig auch Gegner der USA? Geheime Papiere des US-Militärs dokumentieren deutlich den Verdacht amerikanischer Militärs, dass der pakistanische Geheimdienst ISI die Taliban unterstützt. Die New York Times, der britische Guardian und der Spiegel haben mehr als 90.000 US-Militärberichte vom Internetdienst WikiLeaks erhalten und als glaubwürdig eingestuft.

US-Soldaten, dp

Der pakistanische Geheimdienst soll Taliban unterstützt und ihnen Unterschlupf gewährt haben. Hier: pakistanische Soldaten bei einer Militärübung.

(Foto: dpa)

Auch wenn keine direkte Verbindung zum Terrornetzwerk al-Qaida nachgewiesen werden könne, so zeigten vor allem die Berichte aus den Jahren 2004 bis 2007, dass ISI den Taliban half und Kämpfern in Pakistan Unterschlupf gewährt habe. Der Geheimdienst, der in den achtziger Jahren die Taliban im Nachbarland stark gemacht hatte, will die Verbindung zu den Aufständischen inzwischen gekappt haben.

In mindestens 180 Schriftstücken wird jedoch der Vorwurf erhoben, ISI liefere den Aufständischen Waffen und Fahrzeuge, bilde Selbstmordattentäter aus, habe Angriffe auf Nato-Flugzeuge geplant und zahle für Anschläge auf indische Einrichtungen in Afghanistan. Im August 2008 soll der Geheimdienst einen Anschlag auf den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai angeordnet haben. Außerdem habe er geplant, das Bier für ausländische Truppen zu vergiften.

Auch dass Pakistan als Rückzugsraum für die afghanischen Aufständischen dient, bestätigen die Berichte. Taliban-Chef Mullah Omar finde regelmäßig in der Provinz Belutschistan Unterschlupf, heißt es. Ob er dort immer wieder Osama bin Laden getroffen hat, wie in einem Bericht behauptet wird, das bezweifelt das US-Militär allerdings.

Dass Pakistan seinen Einfluss in Afghanistan behalten möchte, wenn die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten abgezogen sind und dies durch Unterstützung der Taliban zu erreichen versucht, hat erst kürzlich der pakistanische Publizist Ahmed Rashid in der SZ erläutert.

Ein weiteres Ziel des Landes ist es offenbar, den Einfluss des Erzrivalen Indien in Afghanistan so klein wie möglich zu halten. Und das mit allen Mitteln: Laut der geheimen Dokumente habe ISI einen Anschlag auf das indische Konsulat in Dschalalabad geplant und bis zu 30.000 Dollar für den Mord an indischen Arbeitern gezahlt.

Besondere Bedeutung kommt in den Papieren dem ehemaligen pakistanischen Geheimdienstchef General Gul zu. Schon länger werfen die USA ihm vor, Verbindungsmann zwischen aktiven Geheimdienstmitgliedern und Taliban zu sein. Gul werde so oft in den Berichten erwähnt, dass man sich kaum vorstellen kann, dass hochrangige Militärs und Geheimdienstleute in Pakistan nichts von seinen umtriebigen Aktivitäten wissen, schreibt die New York Times. General Gul, der nach eigenen Angaben sein Rentnerdasein in Rawalpindi genießt, bezeichnete die Vorwürfe als "absoluten Unsinn".

Das Weiße Haus reagiert verärgert auf die Veröffentlichung der vertraulichen Dokumente. Laut James L. Jones, dem Nationalen Sicherheitsberater des Weißen Hauses, werde sich die US-Regierung nicht davon abbringen lassen, die Zusammenarbeit mit Pakistan auszubauen. Das Land bekommt pro Jahr eine Milliarde US-Dollar für den Kampf gegen die Taliban von den USA und ihren Alliierten. Erst vor kurzem hat Außenministerin Hillary Clinton weitere 500 Millionen Dollar an Hilfsgeldern angekündigt.

Auch die pakistanische Regierung wies die Vorwürfe zurück. Ihr Botschafter in den USA, Husain Haqqani, nannte die Veröffentlichung von Berichten aus dem Kampfgebiet unverantwortlich. Die Unterlagen gäben nicht mehr wieder als Kommentare einzelner Quellen und hätten sich in der Vergangenheit oft als falsch erwiesen. Der Guardian zitiert einen ehemaligen US-Offizier mit den Worten, solche Berichte einfacher Informanten vor Ort seien immer eine Mischung aus "Gerüchten, Bullshit und Informationen aus zweiter Hand".

Die afghanische Regierung allerdings will nach der Veröffentlichung der geheimen Dokumente der Rolle ausländischer Geheimdienste wie des pakistanischen ISI nun besondere Aufmerksamkeit widmen.

© sueddeutsche.de/liv/mcs

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