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Wiener Juden in NS-Zeit:Tag und Nacht in Lebensgefahr

Historikerin Brigitte Ungar-Klein hat das Schicksal der österreichischen Juden untersucht, die in der Hitler-Diktatur in Wien untertauchten. Die, die überlebten, hatten nach der Befreiung lange unter ihrer "Schattenexistenz" zu leiden.

Peterskirche und Stephansdom bei Nacht, 1938

Nach dem „Anschluss“ im Frühjahr 1938 (im Bild der Stephansdom) glaubten viele Juden, der Spuk wäre bald wieder vorüber. Sie täuschten sich.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Einen wenig beachteten Teil nationalsozialistischer Judenverfolgung und -vernichtung beleuchtet das Buch "Schattenexistenz" der Historikerin Brigitte Ungar-Klein. Es geht um jene Jüdinnen und Juden, die als sogenannte U-Boote nach dem "Anschluss" Österreichs vom März 1938 in der Illegalität zu überleben versuchten - etwa indem sie sich an allen möglichen oder unmöglichen Orten versteckt hielt oder sich mit falschen Ausweispapieren der Deportation in ein Vernichtungslager zu entziehen versuchte.

Die Stadt Wien war mit ihrer langen Tradition eines immer wieder aggressiv auftretenden Antisemitismus ein Gemeinwesen, in dem der Kampf ums Überleben für den als "jüdisch" geltenden Bevölkerungsteil eine tägliche Herausforderung darstellte.

Obwohl die Vorgänge im Dritten Reich seit fünf Jahren die Brutalität nationalsozialistischer Judenverfolgung offenbart hatten, gaben sich manche Wiener Jüdinnen und Juden 1938 der Illusion hin, von Verfolgung verschont zu bleiben. Wie ein Betroffener berichtete, gab es die Überlegung, "dass nach den anfänglichen Pogromen sich die Gemüter abkühlen und es zu einer Normalisierung kommen würde (...). Viele dachten, dass Hitler und die Nazis nicht lange an der Macht bleiben würden, und dass der deutsche Generalstab diesem Spuk ein rasches Ende setzen würde."

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Die Realität sollte die jüdische Bevölkerung rasch einholen. Die Lebensumstände der 1634 erfassten Wiener U-Boote ließen für Illusionen keinen Raum. Kellerverliese, Dachböden, Bahnhöfe, eine Arztpraxis, ein Schrank, eine Lehmgrube, sogar Gräber waren die Orte, an denen Jüdinnen und Juden quer durch alle Altersgruppen und soziale Schichten untertauchten.

Oft jahrelang mussten U-Boote bei Hitze wie bei Kälte in der dauernden Angst ausharren, entdeckt, verraten und deportiert zu werden. Quartierwechsel waren genauso riskant wie jeder andere Aufenthalt im Freien. Eine Denunziation durch misstrauische Nachbarn oder eine Ausweiskontrolle konnte fatal ausgehen.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich die Probleme des Alltags vor Augen zu führen, ganz zu schweigen von den physischen und psychischen Folgen der gesellschaftlichen Isolation. Im Versteck bedeuteten unzureichende hygienische Bedingungen die Normalität, Krankheiten oder Todesfälle eine Verschärfung des ohnehin prekären permanenten Ausnahmezustands.

Und mit der Zunahme alliierter Luftangriffe konnte ein Versteck zur tödlichen Falle werden - war doch der Zutritt zu Luftschutzkellern für Jüdinnen und Juden allenfalls mit riskanten Täuschungsmanövern möglich. Treffend hat Friederike Neustadtl im Rückblick das spezifische Schicksal der jüdischen "Schattenexistenzen" zusammengefasst, zu der sie selber gehört hatte: "Die kleinste Kleinigkeit war Lebensgefahr, was für andere überhaupt nichts war, war für uns Lebensgefahr."

Existenzgefährdend war auch der Ausschluss von Bezugsmarken auf Lebensmittel und Kleidung. Deshalb waren die U-Boote auf illegale Gelegenheitsarbeiten, Einkäufe auf dem Schwarzmarkt, Diebstahl und besonders auf die Unterstützung durch andere angewiesen.

Dabei ist zu bedenken, dass sich die 1827 identifizierten Helferinnen und Helfer ebenfalls der Gefahr aussetzten, in ein Konzentrationslager deportiert und des Eigentums beraubt zu werden.

Entschädigungen wurden später gern verweigert. Man sei ja nicht "in Haft" gewesen

Trotz vielfältiger Überlebensstrategien, die das Vortäuschen des eigenen Selbstmords einschlossen, haben von den jüdischen U-Booten 430 Menschen das Kriegsende nachweisbar nicht erlebt. Unzählige Überlebende wiederum haben auch nach der Befreiung unter den Erlebnissen ihrer "Schattenexistenz" zu leiden gehabt.

Verschärft wurden Traumata in vielen Fällen durch die bittere Erkenntnis, dass Familienangehörige, Freunde oder Bekannte Opfer der Shoah geworden waren. "Auch wie wir schon befreit waren, hab ich mich nicht befreien können", beschrieb eine Überlebende ihr Lebensgefühl nach dem Sieg über das NS-Regime. Dazu kam, dass die Gesetzgebung den U-Booten jahrelang wenig Aufmerksamkeit schenkte.

Außerdem gingen staatliche Behörden bei der Gewährung von Entschädigungszahlungen äußerst penibel vor und nutzten jedes Versäumnis bei der Antragstellung ebenso gnadenlos wie schikanös zu einem ablehnenden Bescheid. So wurde einem ehemaligen U-Boot 1953 beschieden, er sei in der NS-Zeit "praktisch in Freiheit und nicht in Haft" gewesen.

Brigitte Ungar-Klein

Schattenexistenz

Brigitte Ungar-Klein: Schattenexistenz. Jüdische U-Boote in Wien 1938-1945. Picus-Verlag, Wien 2019. 376 Seiten, 28 Euro. E-Book: 22,99 Euro.

In diesem Kontext bescheinigt Brigitte Ungar-Klein weiten Teilen der österreichischen Nachkriegsgesellschaft ihre antisemitische Geisteshaltung mit dem Sieg über den Nationalsozialismus nicht abgelegt zu haben. Mehr noch: Die Rahmenbedingungen des Kalten Krieges, gut organisierte Netzwerke früherer Nationalsozialisten und die Notwendigkeiten des Wiederaufbaus des Landes erschwerten mit zunehmender zeitlicher Entfernung vom Kriegsende eine nachhaltige Entnazifizierung. Deren Versickern und die schleppende Entschädigung jüdischer Überlebender scheinen in einem engen Zusammenhang gestanden zu haben.

Das bedrückende Schicksal der "Schattenexistenzen" schildert Brigitte Ungar-Klein sehr anschaulich auf der Grundlage jahrzehntelanger Forschungen. In ihr Buch sind nicht nur umfangreiche Archivrecherchen eingeflossen, sondern auch zahlreiche Interviews, die die Wiener Historikerin mit früheren U-Booten, deren Angehörigen und einstigen Helfern und Helferinnen geführt hat.

Besonders die Auswertung der Gespräche mit Zeitzeugen verleihen der Studie, die an der Universität Wien als Dissertation eingereicht wurde, besondere Plastizität. Mängel wie das Fehlen eines Personenregisters, manches überlange oder analytisch unergiebige Quellenzitat, einzelne blasse Kapitel wie jenes über die Hilfestellung für U-Boote, punktuell überholte Literaturangaben oder eine defizitäre Erläuterung ausgewählter Fallbeispiele im Schlusskapitel mindern den Wert der wissenschaftlichen Monografie nicht substanziell. Sie lädt ein, die Wiener "Schattenexistenzen" mit denen anderer Städte oder Regionen zu vergleichen.

Einmal mehr lässt sich festhalten, dass Anne Frank alles andere als ein Einzelfall war.

Johannes Koll ist Senior Scientist an der Wirtschaftsuniversität Wien und Privatdozent an der Universität Wien.

Dieser Text ist zuerst am 28. Oktober 2019 in der SZ erschienen.

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