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Wiedervereinigung:Von Menschen und Geschichten

Einige SPD-Politiker fordern einen "gesamtdeutschen Dialog". Das ist so richtig, wie es wohl folgenlos bleiben wird.

Von Cornelius Pollmer

Es ist im Westen eine bedenkliche Logik verbreitet, wenn es dort um den Osten geht: "Die da drüben" haben schon so viel Geld von "uns" bekommen, irgendwann ist auch mal Schluss. Diese Logik ist stumpf, es fehlt ihr das "Wir", und sie ist auch deswegen bedenklich, weil sie eine des Freikaufens ist. Freikaufen von der Zeit, die es kosten würde, sich mit dem Osten, seinen Bürgern und dessen Geschichte zu befassen. Freikaufen von der Anstrengung, die es bedeutet, die deutsche Einheit und die Jahre danach nicht als reine Erfolgsgeschichte von Gnaden Kohls ff.

zu begreifen. Die DDR war eine Diktatur - und trotzdem gab es in ihr auch normales Leben. Die deutsche Einheit bleibt ein historisches Glück; es wurde wesentlich im Osten erstritten. Doch ihm folgte für viele Menschen großes persönliches Unglück in den Jahren danach, Jahre der Arbeitslosigkeit und Ausbeutung. Wer das nicht einfach hinnahm, der war schnell ein "Jammer-Ossi".

Einige SPD-Politiker fordern nun in einem Papier, diese Jahre in einem "gesamtdeutschen Dialog" aufzuarbeiten. Das ist so richtig, wie es wohl ein weiteres Mal leider folgenlos bleiben wird. Anerkennung kann ein seltsames Gut sein. Egal wie berechtigt sie ist: Je lauter man sie einfordert, desto weniger wird sie einem mitunter zugestanden.

© SZ vom 22.01.2019
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