Wie der Fall Strauss-Kahn die Franzosen verändert:Bei Wollust geht der Lärm los

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In jedem anderen Land würde sich die Frage erübrigen, ob Dominique Strauss-Kahn jetzt noch als Präsidentschaftskandidat antreten könnte. Nicht so in Frankreich: Vom brunftig-schwülen Klima des Versailler Königshofs geprägt, mochte sich hier keiner über die amourösen Eskapaden von Politikern aufregen - bisher. Seit der Affäre Strauss-Kahn verändert sich die Republik.

Stefan Ulrich

Wäre Dominique Strauss-Kahn ein Deutscher oder Amerikaner, so könnte man sich diese Debatte sparen. Kaum jemand würde ihn noch zum Kanzler- oder Präsidentschaftskandidaten vorschlagen, gleichgültig, wie das Vergewaltigungsverfahren in New York juristisch endet. Parteien und Bürger kämen rasch zu dem Urteil: Der brillante Ex-Direktor des Internationalen Währungsfonds ist - leider - charakterlich ungeeignet zur Führung einer Nation.

Dominique Strauss-Kahn appears during a hearing at New York State Supreme Court in Manhattan

Verführer werden in Paris und Rom bewundert, in Washington und Berlin verdächtigt: Zwar wird in Frankreich schon wieder diskutiert, ob Dominique Strauss-Kahn Staatschef werden kann. Dennoch verändert der Fall DSK das Land.

(Foto: REUTERS)

In Frankreich dagegen wird wieder diskutiert, ob "DSK" Staatschef werden kann. Eine große Minderheit von mehr als 40 Prozent der Franzosen hält das für möglich. Wenn die Anklage zusammenbräche, dürfe er mit weißer Weste in den Wahlkampf ziehen, argumentieren viele. Er müsse für den "Rufmord" der Staatsanwälte und Medien entschädigt werden, am besten durch seine Wahl.

Die Freunde des sozialistischen Politikers malen ein Bild der verfolgten Unschuld. Sie beklagen ein Komplott und betonen erleichtert, wie unglaubwürdig das angeblich von Strauss-Kahn vergewaltigte Zimmermädchen aus Guinea geworden sei. Ein Politikforscher erklärt in Bezug auf die dunkelhäutige Frau in Le Monde: "Der postkoloniale Mythos des 'guten Wilden' stürzt ein." Ein Psychologe sagt im Radio, nur weil die Menschheit sich in Triebesdingen wie Strauss-Kahn verhalte, habe sie überlebt.

"In Kleinigkeiten wundern wir uns nicht über die Geschmacksunterschiede, sobald es sich aber um Wollust handelt, geht der Lärm los", wusste schon der Marquis de Sade. Die Sexualmoral führender Politiker trennt romanische Nationen von eher puritanischen. Verführer werden in Paris und Rom bewundert, in Washington und Berlin verdächtigt. Völkerpsychologie ist problematisch. Doch den Franzosen geschieht kein Unrecht, wenn man ihnen nachsagt, sie grenzten sich von moralisierenden Amerikanern und spröden Deutschen ab.

Die viel zitierte französische Libertinage entspringt mehreren Quellen: der Aufklärung und revolutionären Auflehnung gegen die Bigotterie der Kirche etwa; aber auch einer vorrevolutionären, höfischen Tradition. Am sittenbildenden Hof von Versailles herrschte ein brunftig-schwüles Klima. Die Monarchen schmückten sich mit Mätressen und protzten mit Potenz. Im Palast der Republik ging dieses Leben weiter, wenn auch deutlich dezenter. Die Amouren der Präsidenten sind vieler Bürger Pläsir. Zudem blüht in Frankreich seit Jahrhunderten eine erotisch-pornographische Literatur, die von de Sade bis zu Catherine Millet reicht.

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