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Berliner Widerstandsgruppe "Onkel Emil":Die vergessenen Hitler-Gegner

Die Gedenktafel für Ruth Andreas-Friedrich in Berlin-Steglitz

(Foto: OTFW/Wiki Commons (CC BY 3.0 DE))
  • Historiker Wolfgang Benz dokumentiert die Aktivitäten einer kaum bekannten Berliner Widerstandsgruppe namens "Onkel Emil".
  • Die Nazi-Gegner fälschten Pässe für Verfolgte, pinselten Widerstandsparolen an Wände und halfen untergetauchten Juden.

Der Historiker Wolfgang Benz hat sich sein Forscherleben lang mit Antisemitismus und Widerstand beschäftigt und gehört zu den besten Kennern dieses Gebiets.

In seinem neuesten Buch beschreibt Benz die Entstehung der Gruppe "Onkel Emil" im Umfeld und in der Folge der zunehmenden Entrechtung und Demütigung der Juden nach den staatlich organisierten und geduldeten Novemberpogromen 1938. Es gab damals nicht nur besorgte Zuschauer, sondern auch Bürger, die sich politisch empörten über die Verletzung von zivilisatorischen Mindeststandards und handelten.

Die Gruppe "Onkel Emil" verfolgte kein explizit politisches Programm und hatte keine verbindlichen organisatorischen Strukturen, sondern verstand sich schlicht als "Clique" von "guten und hilfreichen Menschen", wie eine der Protagonistinnen - Ruth Andreas-Friedrich - in ihrem Tagebuch am 27. März 1943 festhielt. Dieses Tagebuch, das unter dem Titel "Der Schattenmann. Tagebuchaufzeichnungen 1938 - 1945" 1947 erstmals erschien und bis 1984 noch dreimal neu aufgelegt wurde, ist fast die einzige und wichtigste Quelle für Benz' Darstellung der Geschichte der Gruppe.

Das liegt daran, dass sie bis 1945 nie Gegenstand polizeilicher Ermittlungen oder gerichtlicher Protokolle und Urteile war. Die Gruppe arbeitete in dem Sinne erfolgreich, dass es der Geheimen Staatspolizei nicht gelang, sie aufzuspüren, mit Verrätern zu infiltrieren oder auch nur zu bespitzeln, obwohl einzelne Mitglieder der "Clique" mit der "Roten Kapelle", dem "Kreisauer Kreis" und kommunistischen Widerstandsgruppen in Verbindung standen.

Die Zelle der Widerstandsgruppe "Onkel Emil" entstand in einem Wohnhaus am Hünensteig 6 in Berlin-Steglitz. Hier bewohnten die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich (1901 - 1977) und der aus Russland stammende Dirigent Leo Borchard (1899 - 1945) zwei Wohnungen, zusammen mit Ruths Tochter Karin Friedrich (geb. 1925) aus der ersten Ehe mit dem späteren Präsidenten des bundesdeutschen Arbeitgeberverbandes, Otto A. Friedrich (1902 - 1975). Ruth Andreas-Friedrich und Leo Borchard lebten in offenen, eheähnlichen Beziehungen und heirateten später.

Karin Friedrich, 2015

Karin Friedrich half als Mitglied der Widerstandsgruppe "Onkel Emil" von Nazis verfolgten Menschen. Nach dem Krieg wurde sie Journalistin und arbeitete 39 Jahre als Redakteurin für die SZ.

(Foto: Robert Haas/SZ Photo)

Die "Clique" entstand nach den Novemberpogromen von 1938 (im Nazi-Jargon: "Reichskristallnacht") und trotzte dem terroristisch und rassistisch agierenden System mit elementar humanitärer Hilfe (Essen, Wohnen, Arbeiten) für entrechtete und gedemütigte jüdische Freunde und Bekannte, die bereits im Untergrund leben mussten, um sich gegen Nazi-Banden und Polizeiübergriffe zu schützen.

Zur "Clique" gehörten etwa das Ärzte-Ehepaar Christiane und Fritz von Bergmann, der Jurist Günther Brandt, der Facharzt an der Charité, Walter Seitz, mit dem Decknamen "Onkel Emil". Seitz lebte im Untergrund, weil er sich weigerte, kranke Zwangsarbeiter als "arbeitsfähig" zu erklären.

Ebenfalls zur Gruppe stieß der Schauspieler, Dichter und Bohemien Alfred Denger, der zusammen mit Seitz in ein Polizeirevier einbrach, um an Berechtigungsscheine für Ausgebombte heranzukommen. Ruth Andreas-Friedrich besorgte sich illegal Lebensmittelkarten, die sie an bedrängte, im Untergrund lebende Juden verteilte, sowie einen Behördenstempel. Mit diesem betrieb das Gruppenmitglied Ludwig Lichtwitz, ein gelernter Drucker, eine Fälscherwerkstatt, in der zeitweise auch der meisterhafte Passfälscher Cioma Schönhaus (1922 - 2015) mitarbeitete.

Um alte, kranke Juden kümmerten sich ein Deserteur und ein Kommunist

Um alte und kranke Juden kümmerten sich der ehemalige Stabsarzt und Deserteur Josef Schunk sowie der Arzt und kommunistische Pazifist Wolfgang Kühn. Zur Gruppe zählten auch Erich Kordt, Gesandtschaftsrat und Mitarbeiter Ribbentrops im Auswärtigen Amt, der Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der Konditor Walter Reimann, der jüdische Musiker Konrad Latte, der von Leo Borchard Dirigierunterricht bekam, sowie die Studienrätin Elisabeth Abegg, die für Juden Papiere und Jobs besorgte, und der Arbeiter Curt Eckmann, der sich auf Sabotageakte spezialisiert hatte.

Am 18. April 1945 beteiligte sich die Gruppe "Onkel Emil" zusammen mit kommunistischen Zellen an der Nein-Aktion, bei der im Schutz der Dunkelheit mit Kreide und Farbe die Parole "Nein" auf Straßen und an Wände gemalt wurde. Der Erfolg der Aktion ist umstritten.

Der Kommunist Wolfgang Harich wollte die Parole überall entdeckt haben, während Ruth Andreas-Friedrich nüchtern bilanzierte: "Eine Handvoll Klebezettel hier, eine Handvoll dort". Ihr Appell für einen "Bund aktiver Kämpfer gegen den Faschismus" versandete. Von der Öffentlichkeit vergessen, brachte sich die mutige Frau 1977 um, Walter Seitz, mit dem sie seit 1952 in dritter Ehe verheiratet war, überlebte sie um zwanzig Jahre und starb 1997.

Wolfgang Benz: Protest und Menschlichkeit. Die Widerstandsgruppe "Onkel Emil" im Nationalsozialismus. Reclam Verlag, Stuttgart 2020. 220 Seiten, 22 Euro.

Tragisch endete auch das Leben des Dirigenten Leo Borchard. Er wurde nach Kriegsende zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ernannt, aber ein paar Wochen später, am 23. August 1945, von einem US-Wachposten irrtümlich erschossen - und zwar im Wagen eines britischen Offiziers, der ihn nach Hause fahren wollte.

Eine öffentliche Ehrung von Ruth Andreas-Friedrich durch den Berliner Senat scheiterte 1965 im Gegensatz zur Aufnahme in die Liste der "Gerechten unter den Völkern" in Yad Vashem 2002, aber seit 1990 trägt ein kleiner Park in Berlin-Steglitz ihren Namen, und am Haus der "Clique" am Hünensteig 6 hängt eine Gedenktafel für die stillen Helden, die keine sein durften, damit die bundesdeutsche Nachkriegs-Lebenslüge "der Ahnungslosen, man habe nichts machen können" (Wolfgang Benz), nicht platzte.

Allein deshalb lohnt sich die Lektüre, weil das Buch über ein leicht zu übersehendes Ereignis des Dritten Reiches vorzüglich aufklärt.

© SZ vom 04.05.2020/odg/cat

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