Er ist der Mann, der die deutschen Klimadaten im Blick hat: Sören Lorenz, 57, leitet das Geomar-Technologiezentrum für Ozeanforschung in Kiel. Als „Chief Information Officer“ findet man ihn nicht auf dem Forschungsschiff, sondern am Schreibtisch in Kiel, wo er mit europäischen Partnern zusammenarbeitet, damit wichtige Klimadaten auch durch einen politischen Wechsel nicht verloren gehen.
SZ: Herr Lorenz, Sie nennen die zweite Präsidentschaft Donald Trumps eine Zäsur für die Klimaforschung. Warum?
Sören Lorenz: In den USA werden gerade viele verschiedene Hebel genutzt, die das Wissenschaftssystem als Ganzes destabilisieren können. Es gibt beispielsweise eine Liste von Wörtern, die man in Anträgen nicht mehr verwenden darf. Oder nehmen wir die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die US-Wetterbehörde. Wenn da sehr große Teile der Belegschaft entlassen werden, dann ist sie nicht mehr handlungsfähig. Trump hat die National Science Foundation angewiesen, ihr Tiefsee-Beobachtungssystem abzubauen. Das hätte bedeutet, mehr als 900 Messinstrumente und Bojen im Atlantik und Pazifik zu demontieren. Geräte, die wichtige Daten zu Klimawandel, Meeresströmungen und Extremwetter liefern.
Klimaforscher und Ozeanografen weltweit kritisierten den Schritt. Sie warnten, dass der Verlust dieser Echtzeit-Messungen die Klimaforschung um Jahrzehnte zurückwerfen und zu irreversiblen Lücken in der Ozeanüberwachung führen könnte.
Wir brauchen diese Daten zwingend über viele Jahre, um beurteilen zu können, wie sich die Veränderungen auf das Klima auswirken können. Zum Glück ist der US-Senat eingeschritten, das System wurde doch nicht abgebaut. Die Verlässlichkeit der USA als Partner steht trotzdem infrage und damit die Stabilität des gesamten Systems. Für die Wissenschafts-Community ist das ein Drama, viele haben das in dieser Geschwindigkeit nicht kommen sehen.

Ebendiese Community versucht aber auch gegenzusteuern und mehr Sicherheit in das globale Forschungsdatensystem zu bringen. Welche Maßnahmen sind nötig?
Klimadaten müssen nicht nur gespeichert, sondern auch anderen zugänglich gemacht werden, damit auf dieser Grundlage weitergeforscht werden kann. Verteilte, digitale Dateninfrastrukturen sind das, was wir in Zukunft brauchen. Es tut sich etwas, das muss man positiv festhalten. Es gibt inzwischen eine Förderlinie der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Datenresilienz in der Forschung. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stellt die Mittel dafür bereit, zumindest bis Ende 2027. Davon profitiert auch eine Initiative der Erdsystemforschung zur Rettung von US-Daten, die nur noch schwer oder gar nicht mehr einsehbar sein werden, zum Beispiel Ozeanbeobachtungsdaten, Klimasimulationsdaten und historische Erdbebendaten. Künftig sind diese über ein verteiltes Bibliothekssystem für Daten aus der Erdsystemforschung und Umweltforschung sichtbar. Umgesetzt wird dies von Forschungseinrichtungen der „NFDI4Earth“ und des „Helmholtz DataHub Erde und Umwelt“, in enger Absprache mit internationalen Partnern ...
... Sie meinen die Nationale Forschungsdateninfrastruktur, ein Forschungsverbund, der Daten aus dem Bereich der Geowissenschaften sichern und zugänglich machen soll, und eine entsprechende Initiative der Helmholtz-Zentren …
… was bisher aber fehlt, ist die langfristige Perspektive. Wir brauchen Fachkräfte, Expertinnen und Experten, die diese Daten verwalten, die müssen erst einmal ausgebildet und gehalten werden. Das dauert und ist sehr teuer.
Die politischen Veränderungen in den USA hingegen vollziehen sich sehr schnell. Der NDR fasste es so zusammen: Donald Trump sorgt dafür, dass die Wettervorhersage hierzulande schlechter wird. Welche Bedeutung haben die US-Daten?
Solche Verkürzungen sind immer schwierig. Aber es stimmt: Die Abhängigkeit von US-Daten ist in der Erdsystemforschung groß, weil in den USA ein sehr großer Anteil der Daten zu diesem Thema erhoben wird. Wenn die NOAA ankündigt, Daten nicht mehr zur Verfügung zu stellen, reißt das auch Lücken bei uns. Wir müssen diese Abhängigkeit reduzieren, unsere Datensouveränität steigern und dabei europäisch denken. Die European Open Science Cloud ist hier ein wichtiger Akteur. Wir haben im Vergleich zu den USA den Nachteil, dass alles zergliedert organisiert wird, national, oder in Deutschland teilweise sogar in Bund- und Länderverantwortung. Wir agieren als ein Haufen von Ländern, die eigene Interessen haben. Das ist eine Schwäche im System. Aber es darf nicht zur Folge haben, dass wichtige Daten durch einen politischen Wechsel verloren gehen.
Wie genau kommen die Daten überhaupt zu Ihnen?
Nehmen wir an, es werden auf einem Forschungsschiff mit Unterwasserkameras beispielsweise Bilder von Plankton gemacht. Je nach Art und Fundort können Forschende in Kombination mit anderen Parametern wie Salzgehalt oder Temperatur Rückschlüsse auf den Zustand des Ökosystems ziehen. Die Bilder werden per Glasfaserkabel an Bord geleitet, dort auf mobilen IT-Systemen gespeichert und während der Expedition zum Teil schon voruntersucht. Wieder an Land, können die Bilder dann in großen IT-Systemen analysiert werden. Am Geomar in Kiel wird eine KI entwickelt und trainiert, um damit die Klassifikation von Planktonarten im Bild künftig automatisieren zu können. Auch diese Daten können und sollen mit anderen Forschenden geteilt werden, dafür werden sie in einem Repositorium veröffentlicht, einer Art Datenbank, die bestimmte Qualitätsauflagen erfüllt und sicherstellt, dass diese Bilder auch in zehn Jahren noch nutzbar sind. Das alles planen wir, in Zukunft noch besser hinzubekommen.
Klimaforschung scheint auch hierzulande gerade keine Priorität zu haben. Der Sprecher des Bundeskanzlers sagte kürzlich, die Hitze zur Chefsache zu machen, würde „das Wetter auch nicht ändern“. Viele Menschen hat das irritiert.
Lorenz: (lacht)
Ist das ein zynisches Lachen?
Natürlich kann der Kanzler das Wetter nicht ändern. Aber der Kanzler kann das Wetter beeinflussen, indem er Klimaschutzmaßnahmen auf den Weg bringt, die dafür sorgen, dass Extremwetterereignisse in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr so häufig auftreten. Die Politik muss diese Hinweise der Klimaforschung aufgreifen und in Handeln übersetzen, für eine verlässliche Förderung sorgen. Das Problem ist die Zeitschiene. Die meisten Menschen können und wollen sich nicht vorstellen, dass es in 100 Jahren sehr viel ungemütlicher für uns sein könnte. Schauen Sie auf die aktuellen Hitzewellen und die massiven Brände in Frankreich und Griechenland.
Ein politischer Wechsel wie in den USA ist auch in Deutschland nicht undenkbar. In Sachsen-Anhalt könnte bald die AfD regieren, eine rechtsextreme Partei, die Klimaschutzmaßnahmen ablehnt und die Klimakrise leugnet.
Die Idee ist erst einmal, dass die Daten, die es schon gibt, sicher sind. Dafür arbeiten die Kolleginnen und Kollegen in der Dateninfrastruktur. Dass die Daten aber überhaupt erhoben werden, hängt noch stärker von politischer Führung ab. Letztendlich hängt das ganze System an der Förderung durch Steuergelder. Entweder es gibt ein politisches Interesse daran oder es gibt eben keines.
Was machen Sie, sollte die AfD irgendwann doch in Regierungsverantwortung kommen?
Da könnte es uns ähnlich ergehen wie den Kollegen in den USA. Wir müssen davon ausgehen, dass Parteien wie die AfD ein Interesse daran haben, die Freiheit in der Wissenschaft deutlich zu beeinflussen, und dass auch in der Forschung eine politische Ideologie umgesetzt werden würde. Im Moment sieht es so aus, als ob die Menschen bestimmte Effekte erst am eigenen Leib spüren müssen, bevor sie sie glauben – beim Klima ebenso wie in der Politik. So ist der Mensch. Aber noch ist es nicht zu spät.


