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Wetter:50 Grad in Bagdad

Die Menschen in Iraks Hauptstadt leiden unter den extremen Temperaturen - wer trotzdem Strom für Klimaanlagen und kaltes Wasser haben will, muss Schmiergeld zahlen.

Von Paul-Anton Krüger

Der Juni war, weltweit betrachtet, der heißeste Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und zugleich der 14. Monat mit Rekordtemperaturen in Folge. Was in Deutschland tropische Sommernächte und Tageshöchstwerte jenseits der 30 Grad Celsius bedeutet, macht das Leben in der arabischen Welt aber mancherorts unerträglich: In Bagdad zeigten die Thermometer am Donnerstag 50 Grad im Schatten an, auch nachts kühlt es jetzt nicht mehr auf unter 32 Grad ab. In anderen Teilen des Irak wurden gar bis zu 53 Grad registriert. Das ist nicht weit entfernt von jenen 56,7 Grad, die als höchster je erfasster Wert gelten - gemessen im Tal des Todes in Kalifornien.

In Bagdad, einer Stadt, in der regelmäßig der Strom und damit die Klimaanlagen ausfallen, suchen viele Bewohner Erfrischung bei einem Bad im Tigris. Sie kühlen sich mit Wasserschläuchen ab und dösen möglichst bewegungslos dem Sonnenuntergang entgegen, der Linderung verspricht. In den wohlhabenderen Vierteln brummen die Generatoren, niemand geht vor die Tür. Die Regierung hat ihre Angestellten am Mittwoch nach Hause geschickt und das Wochenende um zwei Tage verlängert. Schon im vergangenen Sommer suchte eine Hitzewelle die Region heim; Zehntausende demonstrierten damals in Bagdad gegen die Regierung, auch jetzt werden wieder Proteste laut. Viele Iraker müssen Schmiergeld zahlen, um Strom und Wasser zu haben.

Auf mittlere bis lange Sicht, so befürchten Wissenschaftler, könnten ganze Landstriche am Persischen Golf, im Nahen Osten und Nordafrika für Menschen unbewohnbar werden. Der Klimawandel trifft die Region mit ihren mehr als 500 Millionen Einwohnern besonders hart. Während in Europa vor allem die Winter wärmer werden, steigen zwischen Marokko und Iran die Temperaturen in den ohnehin schon heißen Sommern, wie eine Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz und des Cyprus Institute in Nikosia ergeben hat. Dafür werteten die Forscher Prognosen von 26 Modellen aus.

Gab es im Zeitraum zwischen 1986 und 2005 im Durchschnitt 16 sehr heiße Tage pro Jahr, so dürften es zur Mitte des Jahrhunderts bereits 80 sein - selbst wenn das auf dem Klimagipfel von Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel zur Begrenzung der globalen Erwärmung eingehalten wird. Temperaturen wie nun in Bagdad würden zur Normalität, Hitzewellen träten zehn Mal häufiger auf als heute.

Besonders problematisch ist der Temperaturanstieg an der Golfküste, wo im Sommer der Schamal vom Meer her weht. Zur Hitze kommt dort eine hohe Luftfeuchtigkeit - die gefühlte Temperatur stieg dort schon auf Werte um die 70 Grad, ein längerer Aufenthalt im Freien wird dann selbst für gesunde Erwachsene gefährlich. Wissenschaftlich ausdrücken lässt sich das verhängnisvolle Zusammenwirken in der sogenannten Feuchtkugeltemperatur, einem Maß für die Schwüle. 35 Grad gelten hier als Grenzwert, und der wird langfristig in Metropolen wie Abu Dhabi, Dubai, Doha oder Bandar Abbas in Iran überschritten werden, wie eine Studie von zwei in den USA forschenden Wissenschaftlern ergab. Auch die besten Klimaanlagen könnten dann nicht mehr reichen, um das Leben dort auf Dauer erträglich zu machen.

© SZ vom 22.07.2016

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