Wettbewerb:Krieg auf dem Brett

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Wettbewerb: Fröhlich und friedlich ging es zu bei der Eröffnung der Schacholympiade in Chennai. Hinter den Kulissen wirken aber ganz andere Kräfte.

Fröhlich und friedlich ging es zu bei der Eröffnung der Schacholympiade in Chennai. Hinter den Kulissen wirken aber ganz andere Kräfte.

(Foto: Arun Sankar/AFP)

In Indien hat die Schacholympiade begonnen. Sie ist ein Abbild der globalen Krisen.

Von David Pfeifer, Bangkok

In Chennai wurde am Donnerstag die 44. Internationale Schacholympiade vom indischen Premierminister Narendra Modi eröffnet. Und wer sich von den vielen Verkleideten in Springer- und Turm-Kostümen, den Tänzerinnen und Tänzern in Schwarz-Weiß und den erwartungsfrohen Besuchern täuschen lässt, die durch das Jawaharlal-Nehru-Stadion zogen, könnte ein friedliches Festival erwarten. Nur ist Schach weniger Spiel als Kampf, und ein olympisches Turnier immer auch ein politisches Ereignis. Besonders natürlich in diesen Zeiten.

Die Schacholympiade ist als Mannschaftsturnier auch ein Prestigewettbewerb, Großmeister gelten als die klügsten Menschen der Welt, so wie Boxchampions als die stärksten gelten. Weswegen beide Disziplinen traditionell politisch instrumentalisiert werden. Indien reklamiert für sich, Mutterland des Schach zu sein. Die Figuren und ihre Bewegungsmuster seien Rekonstruktionen der alten Kriegsformationen, in denen der König auf einem Elefanten ritt, der von Kämpfern auf dem Boden gegen Angriffe geschützt werden musste. Weswegen sich der König auf dem Brett frei bewegen kann, aber nur auf kleinem Raum. Allerdings wurde das Mutterland damals nicht als Indien bezeichnet und schloss auch Gebiete ein, auf denen heute Pakistan und andere Länder liegen.

Der pakistanische Außenminister hat nun aber am Freitag die Spieler seines Landes zurückbeordert, nachdem das olympische Feuer beim Fackellauf durch 75 Städte auch durch Jammu und Kaschmir getragen worden war. Die umstrittene Region gehört seit der Teilung beider Länder 1947 zu Indien, Pakistan erhebt aber Anspruch darauf. Auch sonst ist diese Schacholympiade ein indirekter Schauplatz von globalen Großproblemen geworden. Nach zwei Jahren Pandemie sollte sie ursprünglich in Moskau stattfinden, wurde aber kurzfristig wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine neu ausgeschrieben - Chennai bekam den Zuschlag. Gespielt wird bis 28. August in einem Dorf nahe der kleinen Nachbarstadt Mamallapuram, weil Chennai noch im Juni unter einer heftigen Hitzewelle litt, die Tagestemperaturen von mehr als 40 Grad Celsius mit sich brachte. Die Veranstalter hatten Sorge, dass die empfindlichen Gäste aus gemäßigteren Wetterregionen in Europa oder den USA umkippen könnten.

Als historische Ironie kann man werten, dass der Chef-Minister des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, in dem Chennai liegt, ausgerechnet M.K. Stalin heißt. Der nicht-russische Stalin erklärte also am Donnerstag, dass 22 000 Sicherheitsleute im Einsatz seien, um die friedliche Durchführung der Spiele zu sichern. Und da zu einem Wettkampf auch ein Maskottchen gehört, stellte er noch "Thambi" vor, was auf Tamilisch "kleiner Bruder" bedeutet, wenig überraschend: ein Pferd.

Mit großem Stolz erklärte Stalin den Presseagenturen, dass die Behörden mehr als 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 187 Ländern der Welt erwarten, minus Pakistan. Und minus China - wegen der Pandemie. Und minus Russland - wegen des Kriegs. China und Russland sind traditionell starke Schach-Olympia-Länder. Vielleicht erhöht das die Chancen der Inder, die sich zwar als Schach-Erfinder sehen, das Turnier aber noch etwas seltener gewonnen haben als der Fußball-Erfinder England die Weltmeisterschaft.

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