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Westjordanland:Gewollte Grenzen

Die palästinensische Führung fürchtet eine zweite Infektionswelle - und will daher alle Übergänge ins Westjordanland schließen. In Israel breitet sich derzeit die Corona-Pandemie weiter stark aus.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Fünf Tage Lockdown sind nicht genug gewesen. Bedrängt von einem starken Anstieg der Corona-Infektionen hat die palästinensische Führung in Ramallah am Dienstagabend noch einmal für weitere fünf Tage den weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens im Westjordanland angeordnet. Die Angst vor einer weiteren rasanten Ausbreitung der Pandemie ist so groß, dass sich Ministerpräsident Mohammed Staje sogar mit einem äußerst ungewöhnlichen Aufruf an Israel wandte: Er forderte die Israelis auf, alle Übergänge ins Westjordanland zu schließen. Kräfte der Vereinten Nationen sollten diese selbst gewählte Abriegelung überwachen.

Bis zu 100 000 Palästinenser pendeln zum Arbeiten nach Israel

Dahinter steckt die Angst, dass die sich in Israel gerade ausbreitende zweite Infektionswelle mit mehr als 1000 neuen Fällen pro Tag ungebremst auch in die Palästinensergebiete ergießt. Der Austausch ist trotz der konfliktbedingten Beschränkungen rege: Allein bis zu 100 000 Palästinenser aus dem Westjordanland pendeln zum Arbeiten nach Israel. Zudem fahren viel arabische Israelis oder Beduinen aus dem Negev zum Einkaufen oder für Verwandtenbesuche ins Westjordanland. Knapp 20 Prozent der Neuinfektionen, so schätzen es zumindest die palästinensischen Gesundheitsbehörden, sind auf diesen Austausch zurückzuführen.

Während der ersten Ausbreitungswelle der Pandemie waren die Palästinenser nach offiziellen Zahlen sehr glimpflich davongekommen. Noch Mitte Juni hatte im Westjordanland mit seinen insgesamt knapp 2,5 Millionen Einwohnern die Zahl der bis dahin Infizierten bei 460 gelegen. Inzwischen werden mehr als 4500 akute Fälle gezählt. Auffällig ist dabei eine enorme Konzentration auf Hebron, die größte Stadt des Westjordanlands. Von den 4600 Fällen wurden allein 3400 dort registriert. Rund 90 Prozent der Neuinfektionen entfallen auf Hebron.

Zurückgeführt wird das auf die dort ausgeprägte Clanstruktur, die zu großem Zusammenhalt und auch zu großen Zusammenkünften zum Beispiel bei Hochzeiten oder Begräbnissen führt. Als wichtige Unterstützung der Regierungsmaßnahmen gilt deshalb ein gemeinsamer Aufruf einflussreicher Clanchefs, die nun alle größeren Veranstaltungen mit einem Bann belegten. Medizinische Hilfe für Hebron wurde auch aus dem palästinensischen Gazastreifen angeboten, wo mutmaßlich die jahrelange Abriegelung bislang nach offiziellen Zahlen nur zu insgesamt 70 Corona-Fällen führte.

© SZ vom 09.07.2020

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