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Westerwelles Medienoffensive:Und täglich grüßt das Alphatier

Vom Diplomaten zum Phrasendrescher: Guido Westerwelle überschwemmt die Medien mit Hartz-IV-Populismus - und hat vor allem bei Bild Erfolg.

Die Pressekonferenz nach dem FDP-Krisengipfel war so langweilig, dass wohl die wenigsten Journalisten geahnt haben, welch mediales Dauerfeuer folgen würde. Am Montag vor einer Woche trat Christian Lindner, FDP-Generalsekretär und Sprachrohr von Guido Westerwelle, vor die Hauptstadtpresse und verkündete, dass die FDP die Richtung beibehalten, aber das Tempo bei den Reformen erhöhen wolle.

Guido Westerwelle, AP

Seit Tagen grüßt täglich und auf allen Kanälen: Guido Westerwelle, das liberale Alphatier.

(Foto: Fotos: AP)

Konkrete Reformvorschläge waren von den Liberalen seither nicht zu hören. Doch mehr und mehr wird klar, was die Taktiker beim Krisengipfel vor acht Tagen tatsächlich verabredet haben. Anstelle von Reformvorschlägen setzen die Liberalen dem Volk etwas weniger Substantielles vor: ihren Chef.

Seit Tagen grüßt täglich und auf allen Kanälen: Guido Westerwelle, das liberale Alphatier.

Die ersten 100 Tage im Amt war der Außenminister noch voll in seiner Rolle als Deutschlands oberster Diplomat aufgegangen. Westerwelle reiste nach Polen und in die Türkei, durch Asien und in den Nahen Osten. Er schüttelte viele Hände und reflektierte über die Anforderungen seines neuen Amtes. Zur Innenpolitik: kein Wort. Westerwelle schwieg so laut, dass manche in der FDP schon das Fehlen eines Parteichefs beklagten.

Und jetzt? Seit Tagen dominiert der FDP-Chef die Schlagzeilen. Westerwelle poltert gegen Hartz IV, gegen zu hohe Steuern und die Umverteilung in Deutschland. Mantraartig wiederholt er sein Credo: "Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet." Weil dieser Aussage aber wohl nicht einmal Politiker der Linken widersprechen würden, garniert der Jurist seine Botschaft mit populistischen Zuspitzungen und versorgte damit zunächst bevorzugt die Axel-Springer-Presse.

Zum Beispiel am Sonntag in Bild am Sonntag: "Die FDP hat in den ersten 100 Tagen mehr soziale Verantwortung gezeigt, als meine Kritiker in den letzten elf Jahren." Oder an diesem Montag in Bild: "Wenn das so weitergeht, wird durch diese Umverteilungspolitik der ganz normale Steuerzahler zum Sozialfall."

In der Frankfurter Rundschau erklärt er an diesem Dienstag, dass die Empörung immer groß sei, "wenn jemand den Finger in die Wunden des linken Zeitgeits lege". Im Deutschlandfunk sagte er, es sei eine zynische Debatte, dass sich diejenigen, die arbeiten würden, entschuldigen müssten, dass sie von ihrer Arbeit etwas behalten möchten. Und in der Passauer Neuen Presse sah der Themensetzer in der Diskussion über das Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichts "sozialistische Züge".

Die hatte Westerwelle schon vergangenen Donnerstag in der Welt erkannt. Dort begann die Springer-Penetration - und erreichte sogleich ihren Höhepunkt. "Vergesst die Mitte nicht" lautete die harmlose Überschrift seines Autoren-Pamphlets, mit dem sich der FDP-Chef vom diplomatischen Dienst ab- und zum Dienst an der Heimatfront anmeldete.

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