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Westerwelle, das AA und der Holocaust:"Das Unfassbare war Realität"

Außenminister Guido Westerwelle stellt das Buch über die Verstrickung des Auswärtigen Amts in den Holocaust vor. Auch seine Vorgänger Fischer und Steinmeier äußern sich - ohne Westerwelle auf einer separaten Veranstaltung.

Je schwieriger die Mission, desto größere Sorgfalt lassen Diplomaten für gewöhnlich bei der Wahl des Rahmens walten. Zur Vorstellung des Buches "Das Amt und die Vergangenheit" haben die Gastgeber den Lesehof der Bibliothek im Auswärtigen Amt gewählt. Dieser befindet sich im Neubau, dort also, wo das Auswärtige Amt licht, freundlich und sehr bundesrepublikanisch ist. Vier Professoren sind gekommen, um zusammen mit Außenminister Guido Westerwelle nach fünf Jahren das Ergebnis ihrer Arbeit zu präsentieren: Es sind 900 Seiten, welche die dunkle Geschichte des Amtes dem Vergessen entwinden sollen.

Westerwelle Holocaust Fischer AFP Auswärtiges Amt

Das Ergebnis von fast fünf Jahre langen Forschungen ist das 900 Seiten dicke Werk "Das Amt und die Vergangenheit". Außenminister Guido Westerwelle sagte, es gebe nichts zu rechtfertigen, nichts zu beschönigen.

(Foto: AFP)

In Vitrinen sind in der Bibliothek die Papiere des bürokratischen Grauens zu sehen, ein Besprechungsprotokoll der Wannsee-Konferenz etwa: Die Teilnehmerliste von 1942 weist Unterstaatssekretär Martin Luther vom Auswärtigen Amt aus. Zu besichtigen ist auch die Reisekostenabrechnung des Legationsrats Frank Rademacher über 195,50 Reichsmark von 1943, in dem die "Liquidation von Juden in Belgrad" als Reisegrund aufgeführt wird. "Das Unfassbare war Realität. In diesem Auswärtigen Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen", sagt Westerwelle dazu.

Der Außenminister spricht von einer "Institution, die sich selbst als Elite verstand und in Wahrheit tief im Verbrechen versank". Nichts zu rechtfertigen gebe es, nichts zu beschönigen. Das Buch ist ein Erbe seiner Vorgänger, doch Westerwelle lässt keinen Zweifel daran keimen, dass er zu dieser Arbeit steht. Ins Leben gerufen hatte die unabhängige Historikerkommission der grüne Außenminister Joschka Fischer im Jahr 2005, nachdem es Streit über Nachrufe für gestorbene Diplomaten mit Nazi-Vergangenheit gegeben hatte. Ihre Arbeit nahm sie 2006 auf, zur Amtszeit des Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier.

Beiden Vorgängern dankt Westerwelle ausdrücklich, in der Bibliothek aber fehlen sie. Stattdessen lädt der Blessing-Verlag, der das Buch herausgebracht hat, am Abend ins Haus der Kulturen der Welt, zu einer gesonderten Präsentation mit Fischer und Steinmeier.

Es ist dort fraglos Fischer, der im Mittelpunkt steht. Steinmeier spricht seinen Vorgänger direkt an; er bescheinigt ihm: "Die Ergebnisse der Untersuchungen und dieses Buch - das wird zu dem gehören, das bleibt." Ein besonderer Tag sei es für ihn, sagt Fischer; er erwähnt auch, dass er "mit großer Naivität" in das Thema hineingestolpert sei. Über die "Elitenkontinuität" im Auswärtigen Amt sei er sich anfangs nicht im Klaren gewesen. Erst habe er auch nicht verstanden, warum Nachrufe im "Mitteilungsblättchen" des AA so wichtig gewesen seien. Dann aber habe erkannt: "Offensichtlich geht es um einen über den Tod hinausreichenden Persilschein."

Aufarbeitung schon vor Fischer

Wenige Stunden zuvor, bei der Präsentation im Auswärtigen Amt, ist es dem Amtsinhaber Westerwelle wichtig, zu erwähnen, dass Christopher Browning 1978 "eine wichtige Studie" zur Rolle des Auswärtigen Amtes im Dritten Reich vorgelegt habe und seitdem mehrere Publikationen erschienen seien. Das soll weniger das Verdienst der Kommissions-Historiker Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann schmälern als die Rolle ihres Auftraggebers. Nicht erst Fischer, so die Botschaft, brachte Aufarbeitung ins Amt.

Die Aufarbeitung vielleicht nicht, aber, wie aus Westerwelles weiteren Ausführungen klar wird, doch die Konsequenz, mit der sie nun betrieben werden muss. Die "lieben jungen Kolleginnen und Kollegen" mahnt er, sich der wechselvolle Geschichte ihres Hauses bewusst zu bleiben. "Diese Geschichte muss man kennen, auch in ihren dunkelsten Kapiteln", sagt er. Die neue Studie werde künftig ein fester Bestandteil der Ausbildung deutscher Diplomaten sein.

Westerwelle spricht auch über andere praktische Konsequenzen - und da wird es heikel. Auslöser des Konflikts, der schließlich zur Einsetzung der Kommission geführt hatte, war die Entscheidung Fischers gewesen, Würdigungen samt der Floskel vom "ehrenden Gedenken" von NS-Belasteten in der Mitarbeiterzeitschrift Intern AA nicht mehr zu dulden. Im Ergebnis erschienen dann erst einmal überhaupt keine Nachrufe mehr - eine Praxis, die, von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt, seit Februar nicht mehr gilt. Für ihn sei es eine "Frage der Pietät", erläutert der Minister, dass man verstorbener Mitarbeiter, "die sich nie etwas haben zu schulden kommen lassen und die ihr Berufsleben lang für unser Land gearbeitet haben, würdigend gedenkt".

Die Neuregelung sieht bei jenen, die bei Kriegsende bereits 18 Jahre oder älter waren, eine strenge Einzelfallprüfung vor, die zum Beispiel bei Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, nach eigener Darstellung zur Waffen-SS zwangsrekrutiert, gewiss günstig ausfiele. "Eines ist ganz klar", verspricht Westerwelle, "Nazis werden nicht geehrt."

Für diesen Freitag sind die Beamten des Auswärtigen Amtes zu einer internen Präsentation des Werkes geladen. Auch Senioren, mithin frühere Botschafter, sind willkommen. Es werden auch jene erwartet, die sich seinerzeit über Fischers Nachruf-Erlass echauffiert hatten. Man rechne, ist im Amt zu hören, mit lebhaften Diskussionen.